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A1.     Reinkarnationsforschung

Inhalt       •    Zusammenfassung

•     Einführung

•     Stevenson’s Forschungen

•     Fallbeispiel Parmod

•     Fallbeispiel Swarnlata

•     Fallbeispiel William George

•     Wiedergeburten in einem fremden Land

•     Welche Erklärungen gibt es?

•     Ist es Reinkarnation?  …  oder  ist es  außersinnliche Wahrnehmung?

•     Sind es Besetzungen?

•     Fallbeispiel Jasbir

•     Geburtsnarben und Missbildungen

•     Einige weitere Bemerkungen zur Reinkarnationforschung

•     Quellen unserer Kenntnis über Reinkarnation

•     Grundannahmen der Reinkarnationstheorie

•     Glaubwürdigkeit

•     Literaturangaben

Synonyme:        Reinkarnation, Wiedergeburt, Wiederverkörperung, Seelenwanderung

Suchwörter:       Reinkarnation, Reinkarnationsforschung, Ian Stevenson, Besetzungen, Besessenheit, Wiedergeburt

Zusammenfassung

Die Ergebnisse der modernen Reinkarnationsforschung erscheinen aus folgenden Gründen ganz besonders bemerkenswert:

•     Sie stehen auf einem sehr hohen wissenschaftlichen Niveau;

•     sie geben uns Veranlassung, die Wiedergeburt des Menschen als eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache anzusehen;

•     sie geben uns daher gute Gründe, das sogenannte naturwissenschaftliche Weltbild, welches materialistisch-mechanistisch orientiert ist, auszudehnen und immaterielle, geistige Bereiche in unser Weltbild mit einzubeziehen;

•     sie erlauben uns, viele medizinische, psychologische und soziale Probleme unter einem erweiterten Blickwinkel zu sehen;

•     sie legen uns nahe und machen legitim, auch über solche Gebiete ernsthaft zu forschen wie über Nahtodes-Erlebnisse, über Nachtod-Kommunikation, über Besessenheit, sowie über unseren Aufenthalt zwischen den irdischen Leben im Zwischenreich;

•     sie werfen neue, tiefgehende Fragen auf bezüglich der Organtransplantation;

•     sie erlauben uns, das Leben und den Tod und die menschliche Existenz insgesamt in einem grösseren Zusammenhang zu sehen und die Frage nach dem Sinn des Lebens neu zu stellen.

Für diejenigen, die bereit sind, sich mit den vorliegenden Forschungsergebnissen auseinander­zusetzen, ergibt sich ein völlig neuer Zugang zum Thema Reinkarnation. Bisher war Reinkarnation reine Glaubenssache, man konnte sie plausibel oder unplausibel finden, man konnte davon überzeugt sein oder nicht, und in dem materialistischen Weltbild, welches unsere westliche Zivilisation beherrscht, war für Reinkarnation sowieso kein Platz.

Die Sachlage hat sich jedoch gründlich gewandelt, seitdem Mittel und Wege gefunden wurden, auf diesem Gebiet profunde wissenschaftliche Forschung zu betreiben. Der alles überragende Forscher auf diesem Gebiet ist Ian Stevenson, der seit 1960 bis heute über 2500 Fälle von Rückerinnerungen von Kindern an frühere Leben untersucht hat. Das Entscheidende dabei ist, dass die zunächst phantastisch anmutenden Schilderungen der Kinder über ihre früheren Leben durch den Forscher durch gründliche Recherchen bestätigt werden konnten. Das gelingt in etlichen Fällen in ganz überraschender und überzeugender Weise. Diese sehr gut bestätigten Fälle sprechen eindeutig für das Vorliegen von Reinkarnation, und zwar nach strengen wissenschaftlichen Massstäben. Wer also bereit ist, das Gesichtsfeld wissenschaftlicher Forschung über das Übliche hinaus auszudehnen, hat hier hervorragende Belege dafür, dass Reinkarnation Realität ist.

Zwanzig ausgewählte Beispiele hat Stevenson [1974] in seinem ersten Buch zu diesem Thema ausführlichst dokumentiert und kommentiert. Sie stammen aus Indien, Ceylon/Sri Lanka, Burma, Thailand, dem Libanon, der Türkei, Brasilien, Alaska und Nigeria. Weitere 14 Beispiele findet man bei Stevenson [2001], wovon neben den genannten Ländern einer aus England, einer aus Finnland und vier aus den USA stammen. 112 Beispiele von Übertragungen von Geburtsnarben und Geburtsdefekten bei Kindern, die sich an frühere Leben erinnern, finden sich bei Stevenson [1997].  Überdies stehen noch weitaus umfangreichere Dokumentationen des gesamten Materials der Universität von Virginia zur Verfügung, wo Stevenson tätig war.

                  Einführung

Auch in der heutigen westlichen Welt machen viele Menschen Erfahrungen, die in das Weltbild der modernen Wissenschaften nicht hineinpassen. So gibt es Erlebnisse von Gedankenübertragung, Vorauswissen, Wiedererkennen von Orten, an denen man nie gewesen ist (déjà vu), Erinnerungen an frühere Leben, Begegnungen mit Verstorbenen usw.   Solche Erlebnisse sind oft sehr eindrucksvoll und können das ganze Leben der Betroffenen verändern. Sie stossen aber bei den Mitmenschen oft auf Unglauben und Unverständnis, weshalb vieles auch verschwiegen wird und unbekannt bleibt. Auch sind diese Erfahrungen der wissenschaftlichen Erforschung schwer zugänglich, da sie nur plötzlich und unvorhersehbar auftreten und nicht experimentell erzeugt werden können. Doch kommen sie so häufig in verblüffender Ähnlichkeit immer wieder vor und sind für die Betroffenen oft so tiefbewegend und wahr, dass es vom Standpunkt einer Wissenschaft des offenen Geistes leichtfertig wäre, alle diese Erfahrungen in Bausch und Bogen als unseriös, als blanke Phantasien und Einbildungen abzutun. Hinzukommt, dass in allen nichtwestlichen und in allen alten Kulturen ein tiefes Wissen über diese Dinge verankert ist. Auch dieses sollten wir nicht einfach ignorieren.

Aber welches Wissen über die immateriellen Dimensionen unseres Daseins können wir über das persönliche Erleben, über die eigene Erfahrung und Überzeugung hinaus heute und nach wissenschaftlichen Massstäben gewinnen? In dieser Frage können wir uns aus wissenschaftlicher Sicht nicht nach dem richten, was die Glaubenslehren uns verkünden. So gibt es zum Beispiel im Reinkarnationsglauben die unterschiedlichsten Auffassungen, etwa zu folgenden Punkten:

•   Die Dauer der Zeit zwischen den Leben wird angegeben mit sofortiger Wiedergeburt bei den Drusen im vorderen Orient und bei den Jains in Indien;  andere Völker nennen Tage, Monate, Jahre, bis hin zu Jahrtausenden. Die alten Ägypter nahmen laut Herodot eine Zeitdauer von 3000 Jahren zwischen den Leben an.  Pythagoras, der Urvater des Reinkarnationsglaubens in Europa, gab 365 Jahre als fixe Größe an, soviel wie das Jahr Tage hat. Rudolf Steiner nennt 2600 Jahre, unter Berücksichtigung des Geschlechterwechsels seien es jedoch 1300 Jahre. Die tibetischen Buddhisten kennen die Zeitdauer von 49 Tagen. Nach heutiger esoterischer Auffassung beträgt die Zwischenzeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden Inkarnationen durchschnittlich etwa 7 Jahre, was auch mit den Beobachtungen von Rabbi Gershom an wiedergeborenen Holocaust-Opfern übereinstimmt. In den „20 Fällen“ von Stevenson liegen durchschnittlich 5 Jahre zwischen dem jetzigen und dem erinnerten früheren Leben. – Bei der Frage nach der Dauer zwischen den Leben ist zu berücksichtigen, dass das erinnerliche frühere Leben nicht unbedingt das vorige sein muss. Es kann ja zwischen dem heutigen und dem erinnerten früheren Leben eine kurze Schwangerschaft, eine Totgeburt, ein kürzeres oder längeres Leben liegen, an das vielleicht keine Erinnerung vorliegt.

•   Über den Geschlechterwechsel von Leben zu Leben gibt es die verschiedensten Angaben, von streng alternierend, über häufig, ohne Regel, über selten bis niemals.

•   Die Frage, ob ein Mensch auch als Tier wiedergeboren werden kann, wurde im Laufe der Jahrtausende kontrovers diskutiert. Sowohl die alten Ägypter als auch Pythagoras und alle seine Nachfolger glaubten an die Möglichkeit der Wiedergeburt als Tier. Pythagoras, seine Schüler und die Schulen der Neupythagoräer, die sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder bildeten, pflegten mit dieser Begründung den Vegetarismus. Im frühen Christentum gab es starke Gruppen, die an die Wiedergeburt glaubten, bis der Reinkarnationsglaube durch Konzilsbeschluss im Jahre 553 abgeschafft und seine Anhänger in den Bann getan und verfolgt wurden. Diese Gruppen gingen von der Maxime aus: Einmal Mensch – immer Mensch.

•   Über die Anzahl der Inkarnationen als Mensch insgesamt gibt es die unterschiedlichsten Ansichten, von gar keiner (etwa im Christentum) zu nur einer Wiedergeburt über einige wenige, über etliche bis hin zu sehr vielen.

•   Die Konstanz der Ich-Identität über die Inkarnationen hinweg wird nicht allgemein vermutet. So folgt z.B. der Taoismus eher der Vorstellung vom Tropfen Wasser, der in den Ozean fällt, aus dem dann später wieder ein neuer Tropfen Wasser aufsteigt. Die neueren Forschungen, über die im Folgenden zu sprechen sein wird, lassen jedoch eine starke Ich-Identität oder Ich-Konstanz über die Inkarnationen hinweg erkennen.

•   Weiterhin gibt es die unterschiedlichsten Meinungen über die Erlebnisse zwischen den Leben im Zwischenreich oder Bardo, auch über das Wesen von Karma, über Verursachung und Zielsetzung der nächsten Inkarnation, usw. Ansätze, über die jenseitige Welt Näheres zu erfahren, schildere ich in Kapitel A4.

Diese Aufzählung möge soweit genügen. Es ist offensichtlich: Was die eine oder andere Glaubenslehre verkündet, hat für die wissenschaftliche Forschung nur heuristischen Wert. Immerhin sind sich alle diese Lehren, – und sie sind oft sehr alt und weit verbreitet, – darüber einig, dass Wiedergeburt stattfindet. Über die Details hingegen gibt es die unterschiedlichsten Auffassungen, die aber stets als gültige Wahrheiten verkündet werden. Müssen wir uns mit diesen Widersprüchen abfinden oder gibt es Möglichkeiten, sozusagen auf objektiver Basis, uns mehr Klarheit zu verschaffen?

                  Stevenson’s Forschungen

Das Wissen um die Reinkarnation (Wiedergeburt, Wiederverkörperung, Seelenwanderung) ist sehr alt und in vielen traditionellen Gesellschaften anzutreffen. Eine empirisch-wissenschaftliche Erforschung dieses Themas im modernen Sinne gibt es seit etwa 100 Jahren, siehe hierzu die hervorragende Übersicht von Stevenson [1960]. Ab 1960 hat Stevenson sich selbst der Feldforschung auf diesem Gebiet gewidmet und bis heute über 2500 Fälle von Kindern untersucht, die sich spontan an frühere Leben erinnerten. Er fand diese Kinder vor allem bei den Hindus in Indien, bei den Buddhisten in Ceylon/Sri Lanka, in Burma, in Thailand und in Brasilien, bei den Drusen im Libanon, bei den Alevi in der Türkei, bei den Tlingit in Alaska, bei den Igbo in Nigeria. Bei diesen Völkern ist das Wissen um die Reinkarnation kultur-immanent. Neuerdings findet er aber auch in Europa und in Nordamerika gute Beispiele. Typischerweise berichten manche Kinder, sobald sie anfangen zu sprechen, von einem anderen Leben, das sie eigentlich führen, meist  als junge Erwachsene an einem anderen Ort, nennen ihren früheren Namen, den sie als ihren richtigen Namen bezeichnen, auch die Namen der Familienangehörigen und alle Lebensumstände. Oft wollen sie von ihren jetzigen Eltern fort zu ihrer „richtigen“ Familie, etwa zu ihren Ehegatten, Geschwistern, Eltern und eigenen Kindern. Sie können auch die Umstände ihres Todes schildern, der meist ein gewaltsamer oder sonst unnatürlicher war und fast immer in jüngeren Jahren erlitten wurde. Oft können sie auch den Ort benennen, an dem sie lebten, Haus und Strassen näher beschreiben.

Neben diesen kognitiven Erinnerungen zeigen die Kinder Auffälligkeiten im Verhalten, so etwa Vorlieben für gewisse Speisen, Kleider, Spiele, Sitzhaltungen, Tänze und Gesänge, die sie nicht in ihrer jetzigen Familie erworben haben können. Hinzu kommen bisweilen ausgeprägte Abneigungen, so etwa gegen Fleischspeisen, Lastwagen, Messer, enge Räume, lauten Knall und so weiter. Die Vorlieben und Abneigungen erklären sich zwanglos aus den Umständen des früheren Lebens und aus der Art des meist gewaltsamen Todes.

Gewöhnlich besteht seitens des Kindes der Wunsch, in das frühere Leben zurückzukehren, konkreter: Ort und Familie der Erinnerung aufzusuchen, möglichst auch dort zu leben. Dieser Wunsch wird von den jetzigen Eltern recht unterschiedlich respektiert, wie überhaupt die Reaktionen der Eltern auf das seltsame Benehmen und die seltsamen Äusserungen solcher Kinder recht unterschiedlich sind. Es gibt Eltern, die es für möglich halten, dass es sich um einen Fall von Reinkarnation handelt und ihr Kind gewähren lassen, vielleicht sogar mit ihm an den angegebenen Ort fahren, um dort nach des Kindes Angaben die früheren Eltern zu suchen. Dieses Verhalten ist in Kulturen mit bestehendem Reinkarnationsglauben nicht ungewöhnlich. Andere Eltern wiederum versuchen, ihr Kind von seinen absonderlichen Ideen abzubringen, auch mit Androhung und Anwendung von Strafen und Gewalt. Bisweilen spricht sich die Sache herum, so dass gelegentlich auch andere Personen, Verwandte oder Freunde sich um eine Aufklärung des Falles bemühen.

Für unser Verständnis ist noch die oft starke Identifikation des Kindes mit der erinnerten Person  hervorzuheben, indem es z.B. den jetzigen Namen ablehnt, die andere Person zu sein vorgibt, sich in das jetzige Leben nicht einfügen mag, die derzeitigen Eltern nicht als seine richtigen Eltern akzeptiert und das andere Leben zu leben wünscht.

Erfährt nun ein Reinkarnationsforscher von dem Fall, so wird er zunächst Kind und jetzige Eltern aufsuchen, um Näheres zu erfahren, und vor allem, um den Stand der bereits angestellten Recherchen festzustellen und zu dokumentieren. In den meisten Fällen hat es vor seinem Eintreffen bereits gewisse Untersuchungen und Kontaktaufnahmen gegeben. Es gibt jedoch auch einige Beispiele wie die von Swarnlata, Imad Elawar und Shanti Devi, in denen es bis zu dem Moment, wo der Forscher eintrifft, noch keinerlei Bemühungen solcher Art stattfanden, und in denen es bis dahin noch keinerlei Kenntnis darüber gibt, ob die Schilderungen des Kindes zutreffen oder nicht. Diese letzteren sog. frischen Fälle sind vom Standpunkt der wissenschaftlichen Erforschung des Reinkarnationsphänomens natürlich die besten, wenn wir einmal annehmen, das der Forscher im wissenschaftlichen Sinne gründlicher, genauer und zuverlässiger vorgeht, als die in den Fall verwickelten ortsansässigen Personen.

In jedem Falle wird der Forscher zunächst den aktuellen Stand der Dinge in Erfahrung bringen, indem er das Kind, dessen jetzige Eltern und Verwandten genauestens interviewt und alle für die Erforschung des Falles relevanten Informationen und Zeugenaussagen zu Protokoll nimmt.

Nehmen wir nun einmal an, dass es sich um das Ideal eines frischen Falles handelt, so wird der Forscher sodann, wenn die Beschreibungen des Kindes konkret genug sind, den Ort des geschilderten früheren Lebens aufsuchen und mit den früheren Eltern und Verwandten sprechen, um zu sehen, ob die von dem Kind gemachten Angaben zutreffen. In den von Stevenson mitgeteilten Fällen dieser Art war dies in ganz erstaunlichem Masse der Fall, auch dann, wenn er selbst oder einer seiner Kollegen wirklich der erste war, der auf diese Weise die Aussagen des Kindes überprüfte. In den Fällen, wo die betroffenen Familien schon vorher Kontakt hatten, wird der Forscher durch möglichst viele und möglichst zuverlässige Zeugenaussagen versuchen zu erfahren, ob sich die Aussagen des Kindes in der gleich zuverlässigen Weise bestätigt haben.

Als nächstes wird dann das Kind zu dem Ort seines früheren Lebens gebracht und es wird genau beobachtet, ob es die Strassen und Gebäude ohne fremde Hilfe findet, wo die erinnerte Person gelebt hat. Hierbei ist es für die Beweiskraft günstig, wenn keine ortskundige Person mitgeht, wenn also die Begleiter und Beobachter selbst noch nie dort gewesen sind. Weiterhin wird man genau registrieren, ob das Kind die Verwandten und andere Personen aus seinem früheren Leben richtig erkennt. Dabei wird sorgfältig darauf geachtet, dass das Kind hierbei keine Hilfe erfährt und dass keine Suggestivfragen gestellt werden, wie zum Beispiel: “Bin ich deine Schwester Deva?”, sondern einfach nur: ”Wer bin ich?” oder “Wer ist dies?”. In vielen von Stevenson präsentierten Beispielen waren die Wieder -erkennungen mehr als erstaunlich, auch dann, wenn das Kind spontan in der Gruppe Menschen richtig erkannte, ohne überhaupt dazu aufgefordert zu sein. Versuche, das Kind in die Irre zu führen, schlugen so gut wie immer fehl.  Viele Einzelfälle Stevenson’s sind sehr beeindruckend, nicht nur der Kenntnisse der Kinder wegen, sondern auch wegen ihrer Verhaltensweise gegenüber den Angehörigen der betreffenden Familie entsprechend ihrer Rolle, die die erinnerte verstorbene Person dort hatte. Das Kind verhält sich also seinen erinnerten Eltern gegenüber respektvoll, seinem erinnerten Ehepartner gegenüber (der ein Erwachsener ist) wie ein Ehepartner, und seinen erinnerten Kindern gegenüber (die älter sind als es selbst) wie Vater oder Mutter.

In besonders überzeugenden Fällen findet das Kind versteckte Gegenstände, von denen niemand etwas wusste, oder es hat andere Kenntnisse, die nur die Person haben konnte, die es behauptet gewesen zu sein.

Die weitere Entwicklung der Kinder.      Stevenson hat nach Möglichkeit die jungen Menschen, die er als Kinder kennengelernt hatte, im Laufe ihres Heranwachsens bis in das frühe Erwachsenenalter wieder besucht, um sich über deren weiteres Schicksal zu erkundigen und so die Fallgeschichten zu vervollständigen. Die Erinnerungen der Kinder sind in den frühesten Jahren am lebendigsten, gehen aber in der Zeit vom 6. bis zum 8. (oder bis zum 10.) Lebensjahr fast immer verloren. Diese Aussage bezieht sich auf die kognitiven Erinnerungen, wobei man bei deren Verfolgung über die Zeit hinweg auch immer vermuten muss, dass das in späteren Jahren Geschilderte die Erinnerung an die Erinnerung sein kann oder einfach die Wiedergabe der Geschichten, die in der Familie über das früher Vorgefallene erzählt werden.

Die Verhaltensauffälligkeiten bleiben oft länger bestehen, und zwar durchaus bis in die Adoleszenz hinein. Hierher gehören Vorlieben, Abneigungen bis hin zu Phobien, und Gewohnheiten. Im Laufe der weiteren Entwicklung gelingt den jungen Menschen aber meist eine Anpassung an die jetzigen Lebensumstände und eine gute Identifikation mit der jetzigen Existenz, so dass fast immer mit Beginn des Erwachsenseins die Erinnerungen an ein früheres Leben keine Rolle mehr spielen. Aus Stevenson’s  Berichten lässt sich auch entnehmen, dass Menschen, die als Kinder mit solchen Erinnerungen gesegnet oder geplagt waren, später ganz normale Menschen wurden ohne besondere Vorzüge oder Nachteile.

Hier zunächst ein typisches Beispiel aus der Fallsammlung Stevenson’s [1974]:

                  Fallbeispiel Parmod

Parmod Sharma wurde 1944 in Bisauli im indischen Staate Uttar Pradesh geboren. Mit etwa zweieinhalb Jahren sagte er zu seiner Mutter, sie solle sich nicht mit Kochen plagen, er habe eine Frau in Moradabad, die kochen könne. Zwischen drei und vier Jahren berichtete er von einem Sodawasser- und Keksladen, den er in Moradabad betreibe. Er sei einer der Gebrüder Mohan, denen das Geschäft gehöre und wünschte, nach Moradabad gehen zu dürfen. Er sei wohlhabend und besitze noch ein anderes Geschäft in Saharanpur. Parmod hatte ein ungewöhnliches Interesse für Gebäck, für Tee und für Kaufläden. Er baute sich Spielzeugläden und wünschte, in seinem Geschäft arbeiten zu dürfen. Im früheren Leben sei er krank geworden, nachdem er zuviel Quark gegessen habe und er sei in einer Badewanne gestorben. Parmod hatte eine starke Aversion gegen Quark und auch dagegen, in Wasser getaucht zu werden. Später berichtete er, verheiratet zu sein und vier Söhne und eine Tochter zu haben. Er besitze weiterhin ein Hotel und ein Kino in Saharanpur, wo auch seine Mutter wohne.

Mit fünf Jahren reiste Parmod mit seinem Vater und einem Vetter nach Moradabad, später auch nach Saharanpur und in einen Ort Hardwar, von dem er angab, dort oftmals auf seinen Reisen übernachtet zu haben.

Auf diesen Besuchen kannte und erkannte er die Mutter, die Ehefrau, die Kinder eines Parmanand Mehra richtig und mit Namen und deren Stellung in der Familie Mehra. Alle Angaben, die er über sein Leben als Parmanand und dessen Todesumstände gemacht hatte, erwiesen sich als richtig. Er erkannte viele andere Personen aus dem Lebenskreis des verstorbenen Parmanand in Moradabad, in Saharanpur und in Hardwar, und er erkannte auch viele Örtlichkeiten, Häuser, Zimmer und Möbel richtig. Auch bemerkte er zutreffend Veränderungen, die an Einrichtungen, Möbeln und Baulichkeiten vorgenommen worden waren, seit Parmanand verstorben war.

Bei seinem ersten Zusammentreffen mit der Familie Mehra hatte Parmod starke Emotionen, er vergoss Tränen und zeigte Zuneigung zu den einen, Abneigung gegenüber anderen, und dies entsprach völlig den früheren Einstellungen Parmanand’s zu seinen Angehörigen. Parmod verhielt sich gegenüber seiner Frau wie ein Ehemann, gegenüber seinen Kindern wie ein Vater, und er legte Wert darauf, von letzteren als Vater angesprochen zu werden.

Als Kind zeigte Parmod eine auffällige Frömmigkeit – Parmanand war recht religiös gewesen. Mit 20 Jahren war Parmod sehr an der Handlesekunst interessiert – Parmanand hatte dies als Hobby.

Parmod’s Erinnerungen schwanden im Laufe des Heranwachsens dahin, wie es fast immer der Fall ist. Bemerkenswert ist vielleicht noch, dass Parmod sich bruchstückhaft an ein Leben als heiliger Mann erinnerte, welches er vor dem Leben als Parmanand gelebt hatte. – Für alle weiteren Einzelheiten des Falles konsultiere man Stevenson [1974].

                  Fallbeispiel  Swarnlata

Siehe auch: Stevenson, Ian: Sweet Swarnlata. http://www.childpastlives.org/swarnlata.htm

Die meisten der von den Forschern untersuchten Fälle verlaufen mehr oder weniger streng nach dem oben dargestellten Schema, natürlich jeweils angereichert mit den Besonderheiten des Einzelfalles, die sich aus der Vielfalt des Lebens ergeben. Es gibt jedoch auch Fälle, die in irgendeiner Weise herausragen, etwas ganz Ungewöhnliches enthalten. Ein solcher Fall ist der von Swarnlata, welche am 2. März 1948 in Indien im Staate Madhya Pradesh geboren wurde. Sie erinnerte sich an ein Leben als Biya in einer anderen Stadt im gleichen Staate, welche dort, verheiratet mit zwei Kindern, im Jahre 1939 im Alter von 40 Jahren an einem Herzleiden verstorben war. Der Fall konnte bestens verifiziert werden, wobei noch zu bemerken ist, dass Swarnlata von ihrer früheren Familie als wiedergeborene Biya voll akzeptiert wurde und ihr im allgemeinen Umgang und bei Feierlichkeiten die Rolle als Biya voll zuerkannt wurde, obwohl sie als Swarnlata immerhin 49 Jahre jünger war als Biya. (Zumindest) der Vater Biya’s der ziemlich verwestlichten Familie stand vor dem Erscheinen Swarnlata’s dem Reinkarnationsgedanken gleichgültig gegenüber. Swarnlata’s Erinnerungen an ihr Leben als Biya verblassten nicht im Laufe der Jahre, was sonst die Regel ist.

Es handelte sich um einen der seltenen frischen Fälle, die von einem Forscher untersucht werden können, bevor die Familie oder Bekannte selbst Untersuchungen anstellen. Die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen führte Sri H. N. Bannerjee durch, bevor später Ian Stevenson am Ort des Geschehens eintraf.

Das Besondere nun an diesem Fall ist, dass Swarnlata sich noch an ein weiteres früheres Leben erinnerte, welches sie als Kamlesh im heutigen Bangladesh gelebt hatte, und zwar zwischen ihren Leben als Biya und als Swarnlata. Nach ihren Angaben starb sie als Kamlesh mit etwa 9 Jahren. Die durchschnittliche Zeit zwischen den Leben der Personen in Stevenson’s Material beträgt 5 Jahre; die Zeit zwischen den Leben von Biya und Swarnlata betrug 9 Jahre. Sollte sie das Leben als Kamlesh tatsächlich gelebt haben, lagen dann allerdings zwischen ihren verschiedenen Leben nur sehr kurze Zwischenzeiten.

Die Erinnerungen Swarnlata’s an ihr Leben als Kamlesh waren nicht sehr reichhaltig und konnten nicht bestätigt werden. Dies hing auch damit zusammen, dass die Recherchen in Bangladesh schwierig waren. Trotzdem ist die Geschichte von Swarnlata meine Lieblingsgeschichte, denn Swarnlata führte ab dem Alter von 5 oder 6 Jahren drei Tänze und Gesänge auf, die offenbar aus ihrem Leben als Kamlesh stammten. Sie sang die Gesänge auf Bengali, eine ihr ansonsten völlig unbekannte und unverständliche Sprache. Sie konnte die Tänze und Gesänge nur zugleich darbieten, und diese hatten immer die gleiche Form. Die Texte zweier der drei Gesänge konnten schliesslich von Prof. P. Pal als ein Erntelied und ein Frühlingslied von Tagore identifiziert werden, wobei Swarnlata einige Fehler machte, die aber immer die gleichen waren. Die Darbietung der Tänze und Gesänge entsprach in ihrer Art genau dem Stil, wie er in einem von Tagore in Westbengalen gegründeten Institut üblich war. Die Texte der Lieder sind bei Stevenson [1974] abgedruckt.

                  Fallbeispiel William George jun.

William George senior war ein Tlingit und ein berühmter Fischer in Alaska. Er kündigte seinem Lieblingssohn und seiner Lieblings-Schwiegertochter an, er werde als deren Kind wiedergeboren. Man werde ihn an zwei auffälligen Muttermalen erkennen, die er den beiden zeigte unter Hinweis auf die genaue Lokalisation an seinem Körper. Ausserdem händigte er seinem Sohn eine goldenen Uhr aus mit dem Hinweis: „Ich will zurückkehren. Hebe diese Uhr für mich auf. Ich werde dein Sohn sein“.  

Schon neun Monate nach dem Tode von William George senior gebar die Schwiegertochter einen Jungen, der genau an denselben Stellen wie sein Grossvater zwei Muttermale trug. Sie tauften ihn William. Als er heranwuchs, zeigte er ähnliche Gewohnheiten, Vorlieben, Launen und Abneigungen wie sein Grossvater. Er neigte zur Reizbarkeit und Verdriesslichkeit, und gab seiner Umgebung gerne warnende Ratschläge, wie es sein Grossvater getan hatte. Jener hatte nach einer Sportverletzung einen hinkenden Gang und drehte den rechten Fuss beim Gehen nach aussen. Der Enkel hatte dieselben Angewohnheiten und in schwacher Form einen ähnlichen Gang. Er zeigte frühzeitig Kenntnisse der Fischerei und des Umgangs mit Booten und Fischernetzen, und er kannte die besten Buchten zum Fischen. Er bezeichnete seine Grosstante als seine Schwester und in ähnlicher Weise seine Onkel und Tanten als seine Söhne und Töchter. Die Brüder und Schwestern von William übernahmen dieses Spiel und nannten ihn Grossvater.

Als Williams Mutter einmal ihren Schmuckkasten ausräumte und die Uhr des Grossvaters neben den anderen Schmuck legte, kam William hinzu, erkannte die Uhr, nahm sie an sich und erklärte, sie sei seine. Er war kaum zu bewegen, sie wieder herzugeben. Auch in den folgenden Jahren verlangte er immer wieder die Uhr für sich als sein Eigentum. Die Eltern versicherten dem Forscher mit grosser Entschiedenheit, dass die Uhr dem Jungen gegenüber vorher niemals erwähnt wurde, und dass die Szene, in der der Junge die Uhr sah und erkannte, rein zufällig und unabsichtlich zustande gekommen war.

Dieses Beispiel ist für mich eines der schönsten; es hat aber nur eine mittlere Beweiskraft, da innerhalb der Familie natürlich zahlreiche Kommunikationsmöglichkeiten bestehen und der Junge womöglich in seine Rolle als der wiedergeborene Grossvater hineingedrängt wurde. So muss man es vom streng wissenschaftlichen Standpunkt aus sehen; trotzdem kann es sich um echte Reinkarnation handeln.

Ganz allgemein ist zur Beweiskraft folgendes zu sagen: Natürlich ist in vielen der von den Reinkarnationsforschern untersuchten Fälle die Beweiskraft nicht so hoch wie man es sich wünschen würde. So können die Erinnerungen der Kinder unvollständig und ungenau sein. Es können sich der Verifikation praktische Hindernisse entgegenstellen wie z. B. sprachliche Schwierigkeiten, mangelndes Erinnerungsvermögen, Verlust von Notizen und Dokumenten, grosser zeitliche Abstand zu den Ereignissen, Unzuverlässigkeit oder Unwilligkeit von Zeugen und Behörden, Einschüchterung der Kinder, usw. usw.  Die weniger überzeugenden Fälle, die auf einem so schwierigen Forschungsgebiet naturgemäss auftreten, sind aber kein Beweis für die Nicht-Existenz von Reinkarnation. Sie sind nur von geringerem Wert für den Beweis. Der Nachweis, dass echte Reinkarnation tatsächlich vorkommt, lässt sich mit Hilfe der vorhandenen guten, ergiebigen Beispiele führen; die weniger guten sprechen aber nicht dagegen.

                  Wiedergeburten in einem fremden Land

Während in den meisten von Stevenson geschilderten Fällen die Wiedergeburt im gleichen Land oder im gleichen Kulturkreis erfolgt, schildert er in seinem Buch [1974] Beispiele, die vermuten lassen, dass britische Soldaten in Indien gefallen und dort wiedergeboren wurden, oder dass amerikanische und japanische Soldaten in Burma gefallen und dort wiedergeboren wurden. Die Beweiskraft der Fälle ist allerdings im allgemeinen gering. Bei den betreffenden Kindern war eine grosse Vorliebe festzustellen für die Lebensart der angegeben Herkunftsländer, also Gross-Britannien, USA oder Japan, und häufig auch eine hellere Haut, Augen- und Haarfarbe sowie eine kaukasische Form der Augen bei westlicher Herkunft.

Wenn wir trotz der mässigen Beweislage einmal annehmen, dass zumindest in einem Teil der Fälle tatsächlich Soldaten dort wiedergeboren werden, wo sie gefallen sind, so kann dies zur Beleuchtung der Frage beitragen, in welchem räumlichen Umkreis überhaupt Wiedergeburt stattfindet und aus welchen Gründen. – –

Es ist auffällig, dass Stevenson's Fälle aus sehr speziellen Kulturkreisen stammen. Wir können feststellen:

•     In diesen Kulturkreisen ist der Reinkarnationsglaube lebendig, und die Wiedergeburt findet in geringer räumlicher Distanz von nur wenigen bis zu einigen hundert Kilometern statt.  In noch sehr ursprünglichen Kulturen wird häufig in dieselbe Familie hinein wiedergeboren, so dass man auch sein eigener Großvater (gewesen) sein kann. Siehe hierzu auch das sehr schöne Beispiel von Malidoma Somé in: „Vom Geist Afrikas“ [1994].

•     Die Wiedergeburt findet in geringer zeitlicher Distanz statt. Bei Stevenson sind dies im Durchschnitt 5 Jahre. Die Drusen sind unerschütterlich davon überzeugt, dass die Wiedergeburt sofort nach dem Tode stattfindet, und zwar geht die Seele des Verstorbenen in den Körper eines soeben Neugeborenen ein. Bei den Jains in Indien hingegen wird die Seele des Verstorbenen in ein neues menschliches Wesen bei dessen Empfängnis übertragen. Wenn zwischen dem Tode der erinnerten Person und der Empfängnis bzw. der Geburt der reinkarnierten Person einige Zeit liegt, so sind sich die Drusen und die Jains sicher, dass dazwischen noch ein oder mehrere kurze weitere Leben gelegen haben müssen.

Welche Erklärungen gibt es für die geschilderten Beobachtungen?

Für Stevenson’s Vorgehensweise sind zwei Dinge konstitutiv:

A.    der Ausschluss anderer Erklärungsmöglichkeiten als die der Reinkarnation,

B.    die Verifikation, d.h. die Bestätigung der von den Kindern behaupteten Tatsachen durch gründlichste Nachforschungen.

Stevenson behauptet niemals, die Reinkarnation bewiesen zu haben. Er wägt die Interpretation seiner besten Beispiele als Belege für die Reinkarnation zunächst äußerst differenziert und ausführlich ab gegen folgende alternative Möglichkeiten:

1.   Es kann sich um Betrug handeln, d.h. es wurden ihm einfach erfundene Geschichten erzählt, die ganze Sache wurde für den Forscher inszeniert. Es sind auch andere Motive denkbar wie z.B. Ruhmsucht, Erlangung von Vorteilen, Geld, etc., welche die Eltern veranlassen können, solche Geschichten zu erfinden und ihr Kind in die betreffende Rolle hineinzudrängen.

2.   Die Kinder haben auf irgend eine ganz normale Art und Weise, z.B. durch die Eltern, durch Besucher, Verwandte, Bücher, Zeitschriften, Fernseher usw., von dem Leben eines inzwischen verstorbenen Menschen erfahren und dieses für ihr eigenes ausgegeben (in lügnerischer Absicht oder nicht). Hier wird auch die Möglichkeit der Kryptomnesie (verborgenes Wissen) diskutiert. Das würde bedeuten: Das Kind hat sehr früh detaillierte Kenntnisse über die verstorbene Person auf ganz normale Weise bekommen, jedoch hat es selbst und haben auch die Eltern den frühen Erwerb dieser Kenntnisse völlig vergessen; sie tauchen auf einmal wie aus dem Nichts auf.

3.   Das Kind hat seine Kenntnisse auf telepathischem Wege von irgendwelchen anderen Personen erfahren. So wissen ja z.B. die Mitglieder der früheren Familie bei der Probe der Wiedererkennung, wer sie sind oder wer die anderen Anwesenden sind und können womöglich dieses Wissen telepathisch auf das Kind übertragen. Dies kann absichtlich, also wieder in betrügerischer Absicht geschehen oder aber unabsichtlich. Auch kann die oft erstaunliche Ortskenntnis telepathisch induziert sein. Man sollte sich immer wieder vor Augen halten, dass wohl jedes Psi-Phänomen mehr als eine Erklärung hat. Zum Beispiel kann Hellsehen meist auch durch Telepathie zustandegekommen sein; umgekehrt kann vermeintliche Telepathie oft auch auf Hellsehen beruhen, usw.

4.   Retrokognition: Aussersinnliche Wahrnehmung in die Vergangenheit hinein, und zwar Wahrnehmung aller Lebensumstände der erinnerten Person und nachfolgende Personifizierung mit derselben. In etwas anderer Redeweise könnte man vermuten, dass das Kind ein Medium ist, welches in medialer Schau (heute channelling genannt) Einblicke in das frühere Leben einer verstorbenen Person hat.

5.   Telepathie, Retrokognition und Mediumismus als Erklärungen sind schon deshalb wenig überzeugend, weil die Kinder fast nie in anderen Angelegenheiten diese Fähigkeiten zeigten. Umgekehrt aber erinnern sich berühmte Medien mit ausgeprägten extrasensorischen, oft zutreffenden Wahrnehmungen selten an eigene frühere Leben.

6.   Genetisches Gedächtnis. Dies bedeutet, dass das Wissen vom Leben einer anderen Person biologisch ererbt wurde. Diese Möglichkeit kommt dann in Betracht, wenn die erinnerte Person ein leiblicher Vorfahr des Protagonisten ist.

7.   Anzapfen des kollektiven Unbewussten C. G. Jung’s und der Akasha-Kronik.

8.   Besetzungen:   im Sinne von englisch „spirit possession“.

Stevenson diskutiert alle diese Möglichkeiten ausführlich und kommt zu dem Ergebnis, dass keine von ihnen eine befriedigende Erklärung für die Erinnerungen und Verhaltensweisen der Kinder abgibt. Auf die Möglichkeiten 4. Retrokognition und 7. Besetzungen muss ich hier noch näher eingehen:

zu 4.  Retrokognition:   Ist es Reinkarnation, oder  ist es  außersinnliche Wahrnehmung?

Die Annahme, dass es sich bei den von Stevenson beschriebenen Fällen "lediglich" um außersinnliche Wahrnehmung handelt, würde bedeuten, dass zumindest eine sehr ausgeprägte Form der Retrokognition (Erinnerung an Vergangenes) vorläge, ...

…  wie sie in dieser Intensität und Präzision sonst nicht vorkommt,

…  die auf eine einzige verstorbene Person und deren Umgebung bezogen ist,

…  bei Kindern, die ansonsten nur sehr selten, und wenn überhaupt, dann nur ganz unbedeutende sensitive Fähigkeiten zeigen,

…  die im Rahmen des alltäglichen Lebens und bei im übrigen völlig normalem Verhalten auftritt, nicht in Trance- oder hypnotischen Zuständen wie bei Medien oder bei therapeutischen Rückführungen,

…  die den härtesten Tests etwa beim Besuch des früheren Wohnorts und der früheren Familie standhält und nicht manipulierbar ist,

…  die von den Kindern als ganz eigene, persönliche Erinnerung erlebt wird, nicht nur als Bilder aus einer Zuschauerperspektive,

…  einhergehend mit einer starken Identifikation mit jener Person, bisweilen sogar unter Selbstverleugnung der jetzigen: „Ich bin Paolo!“

…  welche über Jahre anhält und nicht wie bei Trance- oder hypnotischen Regressionen auf die Dauer der Sitzung beschränkt ist,

…  einhergehend mit Verhaltensweisen und Vorlieben der verstorbenen Person,

…  einhergehend mit Phobien, die den Todesumständen der verstorbenen Person entsprechen, und genaueste Erinnerung an dieselben; bisweilen auch entsprechende spielerische Wiederholungshandlungen,

…  bisweilen einhergehend mit Kenntnissen über Verstecke und Gegenstände, die niemand anders als die verstorbene Person kannte, so dass in diesen Fällen ein telepathisches Anzapfen des Wissens anderer Personen ausgeschlossen ist,

…  bei dem Besuch der früheren Familie einhergehend mit einem Rollenverhalten, welches dem Status der verstorbenen Person entspricht,

…  mit Erinnerungen und Identifikationen, die auch mit elterlicher Gewalt nicht auszutreiben sind,

…  oft verbunden mit dem starken Wunsch, wieder jenes frühere Leben zu führen (Fluchtversuche),

…  einhergehend mit einer Beschränkung der Kenntnisse der Verhältnisse in der früheren Umgebung auf die Zeit nur bis zum Tode der verstorbenen Person und nur aus deren Sicht, nebst Erstaunen über inzwischen stattgefundenen Veränderungen am und im Hause seit deren Tode,

…  ohne jedes ersichtliche Motiv. In Indien z. B., wo in einem weiteren Umkreis wiedergeboren wird als bei Naturvölkern, besteht oft überhaupt keine Beziehung zwischen der jetzigen und der früheren Familie und keinerlei erkennbarer Grund für die Wiedergeburt in gerade dieser Familie unter oft gänzlich anderen Lebensumständen.

Die Annahme, dass die Kinder durch aussersinnliche Wahrnehmung so viele Details von dem Leben einer verstorbenen Person wissen und sich derart mit ihr identifizieren, erscheint angesichts der soeben genannten Besonderheiten äusserst unwahrscheinlich. Auch folgende Beobachtungen sprechen gegen diese Annahme:

•   In sehr ursprünglichen Kulturen gibt es Ankündigungsträume der werdenden Mutter über die bevorstehende Wiedergeburt einer verstorbenen Person, welche nicht selten ein früh verstorbenes eigenes Kind ist.

•   Vorankündigung der bevorstehenden Wiedergeburt durch eine andere, offenbar sensitive Person.

•   Die Erinnerungen der Kinder und ihre Identifikationen beziehen sich stets nur auf bereits verstorbene, niemals auf noch lebende Personen.

•   Kinder zeigen außer diesen Erinnerungen und den damit verbundenen Verhaltensweisen keinerlei psychotische Symptome, verhalten sich ansonsten völlig normal, man kann auch sagen:  ... wie Kinder eben so sind.

•   Die beiden Leben, das jetzige und das frühere, werden von den Betroffenen als ein Kontinuum empfunden. Die Hauptperson nimmt sich als dasselbe Ich in zwei verschiedenen Körpern und in zwei verschiedenen Umgebungen wahr, wobei sie aber dieselbe Person bleibt, so wie wir uns im jetzigen Leben heute und in unseren Erinnerungen an gestern und vorgestern auch als dieselbe Person empfinden: Man kann dies die Ich-Identität oder der Einheit der Persönlichkeit über die verschiedenen Leben hinweg nennen. Im Gegensatz hierzu stehen die Persönlichkeits­verwandlungen bei Medien, die sich vorübergehend und willentlich von einer Geistseele besetzen lassen. Dort hat man den Eindruck, dass die Alltagspersönlichkeit durch eine andere ersetzt wird, ja geradezu, dass eine andere Persönlichkeit in das Medium hinein- und später wieder herausfährt.

Alle diese Erscheinungen zusammengenommen sind schwerlich als außersinnliche Wahrnehmung zu begreifen. Sie gehen viel weiter und sind viel spezifischer. Es gibt jedoch ein anderes Modell, das den Beobachtungen eher gerecht wird:

zu 8.          Sind es Besetzungen?

Am Ende seines Buches „20 Cases Suggestive for Reincarnation“ [1974] diskutiert Stevenson die Frage, ob er es in den untersuchten Fällen mit Reinkarnation zu tun hatte oder mit einer starken Form von Besetzungen (im Sinne von englisch: spirit possession). Viele der im vorhergehenden Abschnitt genannten Beobachtungen harmonieren gut mit dem Bild, das wir heute von Besetzungen haben.

Hier zunächst ein Wort zum Begriff der Besetzungen. Es ist bedauerlich, dass heute hierüber so wenig bekannt ist. Daher gehe ich im Kapitel A3 auf dieser Website näher darauf ein. In den USA ist heute William Baldwin der aktuelle Autor auf diesem Gebiet, aber vor allem sind es die Kardecisten in Brasilien, die eine enorme Erfahrung in der Therapie von Besetzungen haben. Je mehr ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto mehr gewinnt es für mich an Realität. Auch für die Kritik der Organtransplantation spielen die Besetzungen eine Rolle: siehe Kapitel T1.

Heutige Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater wissen gewöhnlich nichts über den uralten Begriff der Besetzungen und wollen auch nichts davon wissen, da in ihrem Weltbild geistige Wesenheiten nicht vorkommen.

In der älteren Literatur sprach man auch von Besessenheit; um mich klar auszudrücken, möchte ich hier jedoch sprachlich den folgenden Unterschied machen:

1.   Besessenheit  (engl.: obsession)     =  Besessensein von einer fixen Idee, einer Wahnvorstellung, einer Zwangsvorstellung, oft einhergehend mit starken Emotionen wie z. B. Angst oder Hass, einschließlich wahnhafter Suchtformen. Dieses ist der Begriff von Besessenheit, wie er heute von den Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern verstanden wird. Ich möchte das Wort „Besessenheit“ in diesem Sinne verwenden. Dabei ist von den Seelen Verstorbener, von Geistern oder von Dämonen ganz ausdrücklich nicht die Rede.

2.   Besetzung  (engl.: spirit possession)    =  Besetztsein von dem Geist einer verstorbenen Person. Früher glaubte man in solchen Fällen an die Besetzung von Dämonen, die es durch Exorzismus auszutreiben galt. Diese Auffassung hat sich gewandelt. Bei dem Versuch, den besetzenden Geist zu verabschieden, therapiert man heute beide: Den besetzten Patienten und den besetzenden Geist. Letzterer wird meist als arme, unerlöste Seele gesehen; echte Dämonen kommen nach moderner Auffassung selten vor.

Nun haben wir eine lange Tradition in der Kenntnis von sogenannten armen Seelen, auch unerlöste Seelen genannt. Nach den Erkenntnissen der auf dieses Gebiet spezialisierten Therapeuten, voran der Kardecisten in Brasilien, sind Besetzungen ganz real und häufiger als gewöhnlich vermutet. Nach deren Erfahrungen sind die Besetzer Geister (Seelen) von Verstorbenen, die meist eines gewaltsamen Todes gestorben sind und den normalen Weg durch das Zwischenreich nicht gehen konnten oder gehen wollten. Häufig wissen sie nach dem plötzlichen Tode nicht einmal, dass sie tot sind, und leiden unter dem Trauma der schrecklichen Ereignisse. Man sagt auch, dass viele von ihnen im Sterbeprozess steckengeblieben sind.

Es gibt verschiedene Verhaltensweisen dieser armen Seelen. Sie bleiben oft der Erdensphäre verhaftet. Viele verlassen nicht den Ort des Schreckens und werden zu Spukgeistern oder Poltergeistern. Andere wiederum werden aus unterschiedlichen Motiven heraus zu Besetzern. Die Motive können sein: Anhänglichkeit (sich nicht trennen können), Rache, Suchtbefriedigung (z.B. Alkohol), Angst vor dem Unbekannten, Verwirrung, usw.  Man geht folglich heutzutage mit einem Besetzer helfend-liebevoll um, im Gegensatz zum früheren Exorzismus, bei dem es darum ging, Teufel und Dämonen auszutreiben. Man kann sich vorstellen, wie so mancher armen Seele damals noch mehr Leid zugefügt wurde!

Die Intensität einer Besetzung kann von schwach über mittel bis sehr stark ausgeprägt sein. In extremen Fällen kann sie mit dem vollständigen Verlust der Ichbewusstheit der ursprünglichen Persönlichkeit einhergehen. Nach allgemeiner Auffassung wird ein betroffener Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens von dem Geist eines Verstorbenen besetzt, oft ohne es zu bemerken und zu wissen. Er erleidet dadurch eine mehr oder minder starke Fremdbestimmung. Bei glücklichem Ausgang verlässt der Geist den Menschen nach einiger Zeit wieder.

Die therapeutische Arbeit mit Besetzungen ist vor allem in Brasilien verbreitet und geht dort auf den Franzosen Allan Kardec (Schriften um 1860) zurück. Im Westen sind die Bücher von Carl  Wickland (1924)  und von  Edith  Fiore (1987) bekannt geworden. Neuerdings ist der erfahrenste  und kompetenteste Autor auf diesem Gebiete William Baldwin, siehe das Literaturverzeichnis. Mehr über Besetzungen findet man im Kapitel A3 dieser Website.

Im vorigen Abschnitt haben wir die Möglichkeit erwogen, dass die vermeintlichen Erinnerungen der Kinder an frühere Leben durch außersinnliche Wahrnehmung zustandekommen. Das würde bedeuten, dass die sich erinnernde Person auf hellsichtige Art und Weise in einer zeitlichen Rückschau viele Einzelheiten über die verstorbene Person wahrnimmt, ohne diese aber selbst gewesen zu sein. Diese Annahme setzt nicht voraus, dass der Geist eines Menschen den physischen Tod überlebt. Wir müssten nur eine sehr präzise Form von Retrokognition (nebst starker Identifikation) annehmen; ein Weiterleben nach dem Tode müssen wir unter dieser Annahme nicht postulieren. In Übereinstimmung mit Stevenson haben wir jedoch vorhin argumentiert, dass die Erinnerungen der Kinder nicht in befriedigender Weise als außersinnliche Wahrnehmungen interpretiert werden können. Wir betrachten daher die Alternative:  Entweder ist es echte Reinkarnation oder es sind Besetzungen.

In beiden Fällen müssen wir voraussetzen, dass es ein Weiterleben nach dem Tode gibt!

Denn in beiden Fällen hat die Seele der erinnerten verstorbenen Person ihren physischen Tod überlebt.  Beides schließt notwendig ein, dass wir die Existenz einer körperlosen Seele bejahen und auch die Existenz einer Dimension, des Zwischenreiches oder Bardo, wo sie sich zwischen den irdischen Leben aufhält. –

Dies schon einmal akzeptiert, bleibt die Entscheidung zu treffen: Sind es Besetzungen oder ist es Reinkarnation? Bleiben wir für den Augenblick noch einmal bei den Besetzungen. Es gibt sie in den unterschiedlichsten Formen.  Für jede der folgenden Möglichkeiten gibt es gut belegte Beispiele:

•   Eine Besetzung kann teilweise oder vollständig sein, je nachdem, in welchem Maße die ursprüngliche Persönlichkeit sich ihrer selbst bewusst bleibt und die Kontrolle über sich selbst behält.

•   Eine Besetzung kann vorübergehend oder im Gegenteil, wenn sie kein Ende findet, andauernd sein.

•   Ein anderes Unterscheidungsmerkmal ist der Zeitpunkt des physischen Todes der Person, die zum Besetzer wird. Dieser Zeitpunkt kann vor der Empfängnis der besetzten Person liegen, er kann zwischen deren Empfängnis und Geburt liegen, oder aber nach deren Geburt.

•   Nur die Seelen von Verstorbenen können zu Besetzern werden. Es kann aber sein, dass er erst gestorben ist, als der Besetzte schon lebte. Wenn die Besetzung überdies vollständig ist, spricht man von einem walk-in.

Bei Besetzungen besteht gewöhnlich eine Konkurrenz zwischen der Alltagspersönlichkeit der besetzten Person und dem Besetzer. Diese Konkurrenz kann dem Besetzten gänzlich unbewusst sein, was eher die Regel ist, oder aber er bemerkt, dass er oft Dinge tut, die er eigentlich gar nicht will, dass er Gedanken denkt, die gar nicht die seinen sind. Diese Konkurrenz besteht aber nicht, wenn die Besetzung vollständig ist, d.h., wenn die ursprüngliche Persönlichkeit vollkommen verschwunden ist. Dies kommt bei Erwachsenen vor, die vorher eindeutig jemand anderes waren, im gewöhnlichen Sinne sie selbst, so, wie wir sie kannten. Bei einer solchen vollständigen Besetzung spricht man aber nicht von Reinkarnation, weil man die Person vorher anders gekannt hatte. Die Freunde und Angehörigen empfinden die neue Persönlichkeit als fremd und störend, und sie fragen sich, woher denn dieses fremde Wesen kommt, und wo die Persönlichkeit, die sie kannten, geblieben ist. –

Ist es nicht denkbar, dass die Kinder Stevenson’s zu einem großen Teil von armen Seelen bewohnt werden, welche den normalen Weg durch das Zwischenreich nicht gegangen sind? Das könnte doch ein Grund sein für ihr auffälliges Benehmen, für ihre lebhaften Erinnerungen und für die Identifikationen. Handelt es sich also bei seinen Beobachtungen um Besetzungen und nicht um echte Reinkarnation?

Stevenson hat lange nach geeigneten Beispielen oder Argumenten gesucht, die klar für die Reinkarnation und gegen die Besetztheit sprechen. Das folgende Fallbeispiel  Jasbir aus Stevenson’s Sammlung beleuchtet dieses Dilemma näher.

                  Fallbeispiel Jasbir

Im Jahre 1954 beklagten im indischen Unionsstaat Uttar Pradesh die Eltern des dreieinhalbjährigen Jasbir dessen Tod durch die Pocken, ein Ereignis, das sicher keinen Eingang in die Weltliteratur gefunden hätte, wenn nicht danach etwas sehr Seltsames geschehen wäre. Sein Vater bereitete bereits die Beerdigung vor, als er bemerkte, dass der Körper seines vermeintlich verstorbenen Sohnes sich leicht bewegte. Sein Sohn lebte! Jasbir war noch sehr krank, genas aber in wenigen Wochen vollständig. Er legte jedoch ein höchst seltsames Benehmen an den Tag. (Vor seiner Erkrankung war er ein ganz normales Kind gewesen mit der einzigen Auffälligkeit, dass er einige Sprachschwierigkeiten hatte.) Als er soweit genesen war, dass er wieder sprechen konnte, behauptete nun Jasbir, er sei Sobha Ram, ein junger Brahmane. Er verweigerte gewöhnliche Nahrung und bestand darauf, nach Brahmanenart zubereitete Speisen zu bekommen. Er war mit der Lebensart in seiner Familie unzufrieden, schilderte Einzelheiten seines Lebens und seines Todes als Sobha Ram und wollte wieder an dessen Wohnort und in dessen Familie leben.

Der Fall konnte sehr gut verifiziert werden; die Angaben des Kindes wurden voll bestätigt: Er besuchte die Familie des Sobha Ram, erkannte alle Personen richtig und benahm sich ihnen gegenüber seiner Stellung als Sobha Ram in jener Familie entsprechend, also gegenüber seinen früheren Eltern als Sohn, seiner Ehe-Frau gegenüber als Ehemann und seinem Sohn gegenüber als Vater. Dagegen lebte er sehr ungern in seiner jetzigen Familie, die einer niedrigeren Kaste angehörte und deren Lebensart er ablehnte.

Der Fall Jasbir ist mit anderen guten Beispielen Stevenson’s insofern vergleichbar, als er in allen Einzelheiten verifiziert werden konnte. Es gibt aber zwei Besonderheiten:

1. Jasbir konnte eine Angabe machen über ein Erlebnis während seines Beinahe-Todes. Und zwar begegnete er, als verstorbener Sobha Ram, einem Sadhu, einem heiligen Mann, der ihn aufforderte, im Körper von Jasbir Obdach zu suchen. (Über Nahtod-Erfahrungen am Ende des früheren Lebens oder über den Aufenthalt im Bardo berichten die Kinder Stevenson’s gewöhnlich nichts.)

2. Jasbir bekam erst im Alter von dreieinhalb Jahren, als er seinen Beinahe-Tod überlebt hatte, die Erinnerungen an sein Leben als Sobha Ram und zeigte auch erst danach eine (und zwar vollständige) Identifikation mit jenem. –

Im Falle Jasbir, muss man von einem vollständigen Verschwinden der vorhergehenden Persönlichkeit und einer vollständigen Besetzung mit der nächsten sprechen. Nach obiger Einteilung der Besetzungen handelt es sich also um ein walk-in. Bei den Kindern hingegen, die sich von vornherein an ein früheres Leben erinnern und sich mit der früheren Persönlichkeit identifizieren, ist man eher geneigt, an echte Reinkarnation zu denken. Doch wie kann man zwischen Besetzungen und echter Reinkarnation unterscheiden? Stevenson’s stärkstes Argument für die Existenz echter Reinkarnation sind seine Forschungen über …

                  Geburtsnarben und Missbildungen

Es gelang Stevenson, 225 Fälle von Kindern zu untersuchen, die, neben verifizierbaren Erinnerungen an ein früheres Leben im Sinne des vorangehend Gesagten, auch noch auffällige Geburtsnarben oder Missbildungen von Geburt an aufwiesen. Diese auffälligen angeborenen Körpermerkmale stimmten mit den Verletzungen beim gewaltsamen Tode im erinnerten früheren Leben (durch Mord, Unfall o. ä.) in verblüffender Weise überein. Indem das vorangehende, erinnerte Leben bei der Verifikation recherchiert wurde, konnte in nicht wenigen Fällen durch Obduktionsberichte oder andere Krankenhausunterlagen die Übereinstimmung der Lokalität der auffälligen Geburtsnarben oder  Missbildungen mit der Einstichstelle des Mordmessers, des Eintritts der Gewehrkugel etc. zweifelsfrei bestätigt werden. In einigen Beispielen handelte es sich sogar um erhebliche oder schwere Defekte, wie z.B. fehlende Gliedmassen, wie in Abbildungen bei Stevenson [1997] eindrucksvoll zu sehen sind.

(Stevenson spricht im englischen Original von „birthmarks“, was meist mit „Muttermal“ übersetzt wird, sagt aber selbst, dass gewöhnliche Muttermale in diesem Zusammenhang selten vorkommen. So wie er die Sache beschreibt, scheint mir der Ausdruck „Geburtsnarbe“ fast immer passender zu sein, wenn nicht gar regelrechte Missbildungen vorliegen.)

Bei oberflächlicher Betrachtung eines Falles von Geburtnarben oder eines Geburtsdefektes und der Schilderungen des Kindes über deren Zustandekommen beim Tode in einem früheren Leben könnte man geneigt sein zu glauben, dass das Kind die Geschichte erfunden hat passend zu seinen auffälligen Körpermerkmalen, für die es eine Erklärung sucht. Wenn aber dieses frühere Leben wirklich von einer Person gelebt wurde, von der das Kind ganz sicher keine Ahnung hatte, und wenn diese Person bei ihrem Tode tatsächlich entsprechende Verletzungen erlitt, dann sieht die Sache doch ganz anders aus!

Dies alles wirkt zunächst sehr befremdlich, wenn nicht unglaublich, gewinnt aber wiederum an Plausibilität, wenn man sich die eindrucksvollen Berichte und Fotos bei Stevenson [1997] genauer ansieht. Die besten seiner Beispiele werden von entsprechenden Klinik-Unterlagen und Autopsie-Befunden der verstorbenen Personen unterstützt.

Es stellt sich nun wiederum die Frage, ob wir es in diesen Fällen, falls sie gut verifiziert sind, mit außersinnlicher Wahrnehmung, mit Besetzungen, vielleicht mit einer noch nicht benannten Alternative, oder doch mit echter Reinkarnation zu tun haben.

Außersinnliche Wahrnehmung des Lebens der verstorbenen Person durch die Kinder kommt bei den von Stevenson gut recherchierten Fällen mit zweifelsfreier Verifikation als Ursache von Geburtsnarben und Missbildungen nicht in Betracht.

Wo die Mütter von der erinnerten Person und ihrem Tode wussten, können die Missbildungen durch so genannte mütterliche Impression zustande gekommen sein, ein gut untersuchtes Phänomen, welches auftritt, wenn die Mutter große Angst hatte, dass ihr Kind mit einer speziellen, ihr bekannten Missbildung geboren wird. Dies kann z.B. passieren, wenn ihr die Wiedergeburt einer getöteten Person vorausgesagt wurde, deren tödliche Verletzungen sie gesehen hatte. Wenn Indizien für echte Reinkarnation gesucht werden, muss mütterliche Impression ausgeschlossen werden.

In 25 Fällen konnte sichergestellt werden, dass weder die Mutter noch andere Angehörige vor der Geburt des Kindes Kenntnisse über den Verstorbenen und dessen Todesursache hatten oder haben konnten, zum Beispiel, weil dieser in einem weit entfernten Orte lebte, von dem die Mutter gar nichts wusste. Mütterliche Impression konnte also ausgeschlossen werden. Doch auch in diesen 25 Fällen stimmten die Geburtsnarben und Missbildungen nachweislich mit den tödlichen Wunden der vom Kind angegeben verstorbenen Person überein, und auch die übrigen Angaben des Kindes konnten in der Art wie früher besprochen verifiziert werden.

Zumindest für diese 25 Fälle schloss Stevenson, dass alle anderen Hypothesen für das Zustandekommen der gemachten Beobachtungen unhaltbar sind, und dass nur die Annahme von echter Reinkarnation eine wirklich zufriedenstellende Erklärung abgibt.

Die alternative Vorstellung, dass es sich um Besetzungen handelt, ist für Stevenson mit den Beobachtungen von Geburtsnarben und Missbildungen nicht in Übereinstimmung zu bringen, da für ihn ein Besetzer erst nach Ende der Embryonalzeit, meist aber erst nach der Geburt von dem Körper des Besetzten Besitz ergreift. Ein solcher Besetzer kann aber nicht die beschriebenen körperlichen Anomalitäten verursachen, da diese schon während der Embryonalzeit angelegt werden. In dieser Zeit, also in den ersten drei Schwangerschafts­monaten, werden die Organe gebildet und wird die Körpergestalt im Wesentlichen festgelegt.

Geburtsnarben und Missbildungen, die eindeutig auf ein früheres Leben zurückgeführt werden können, sind nicht nur ein starkes Argument für die Existenz von Reinkarnation, sondern geben auch umgekehrt eine Erklärung für Geburtsfehler ab, die sonst häufig keine Erklärung finden. Diese Schlussfolgerung mag besonders dann überraschen, wenn es sich um erhebliche Defekte handelt.

Eine spezielle Art der Verursachung von Geburtsnarben liegt dann vor, wenn die Leiche einer verstorbenen Person, meist eines Kindes, absichtlich gekennzeichnet wird, um später eine Wiedergeburt dieser Person zu erkennen. Dieser Brauch herrscht in der südlichen Wüstenzone Afrikas bei vielen Völkern. Man kennzeichnet mit Farbe, Asche, Lippenstift oder was gerade zur Hand ist. Auch Einschlitzen der Ohren bei frühverstorbenen Kindern ist üblich. Nicht selten wird dann bei der erwarteten Wiedergeburt an der betreffenden Stelle ein entsprechendes Mal gefunden. Stevenson schildert einige glaubhafte Fälle.

Die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis sind weitreichend:

Für die Wissenschaften selbst ergibt sich: Das materialistisch-mechanistische Weltbild wird unhaltbar und viele andere Themen mit spiritueller Dimension werden wissenschaftlich legitim. Weitere Fragen drängen sich auf, wie z.B.: Wo hält sich der menschliche Geist (die Seele) zwischen den irdischen Leben auf?  Wie empfinden wir den Übergang vom irdischen Leben in das rein geistige? Haben wir dort Bewusstsein und wie nehmen wir uns selbst und unsere Umgebung dort war?  Welches sind unsere Erlebnisse und Aufgaben, wenn es sie gibt, „dort drüben“? Können wir also schlussfolgern, dass Bewusstsein auch unabhängig vom Gehirn existieren kann? Welche Funktion hat also das Gehirn?  Wie gestaltet sich der erneute Übergang von der geistigen Welt in die irdische? Welches ist unsere Aufgabe hienieden?

Für jeden von uns persönlich, der diesen Schritt nachvollziehen will, bekommt das Leben eine viel weitere Perspektive im Rahmen einer Kette von Wiedergeburten. Traumata aus früheren Leben können gesehen und in glücklichen Fällen integriert werden. Phobien, extreme Neigungen finden ihre Erklärung und Auflösung. Womöglich kann der Lebensentwurf erkannt und die Lebensaufgabe sichtbar werden.

Für den Heiler ergeben sich neue Möglichkeiten des Verständnisses für viele Probleme der Klienten und daraus resultierend neue therapeutische Ansätze.

                  Einige weitere Bemerkungen zur Reinkarnationsforschung

•   Etliche Verifikationen von Erinnerungen von Kindern an frühere Leben  durch andere Autoren gab es schon in der Zeit vor 1960 in Indien. Stevenson schildert Beispiele mit Quellenangaben in seinen Arbeiten [1960] und [1974], darunter den berühmten Fall von Shanti Devi, welcher schon 1935 in Delhi untersucht wurde, siehe hierzu auch K. S. Rawat im Literaturverzeichnis. Damals ernannte Mahatma Gandhi eine 15-köpfige Kommission hochgestellter Persönlichkeiten, um die Sache zu recherchieren. Der Fall erregte weltweites Aufsehen. –  Stevenson arbeitete in Indien mit  H. N. Bannerjee  und P. Pal zusammen, die vorher schon eigene erstaunliche Beispiele untersucht und publiziert hatten. – Haraldsson erforscht seit 1988 mit Erfolg Fälle auf Sri Lanka. – An der University of Virginia setzen heute Jim Tucker und Mitarbeiter die  Arbeiten Stevenson’s fort. – Ich möchte mit diesen Anmerkungen betonen, dass auch andere Untersucher zu vergleichbaren Ergebnissen kamen und kommen.

•   Das Wissen um die Reinkarnation in traditionellen Gesellschaften bezieht sich auf ganz konkrete Personen, häufig auf Verwandte, welche verstorben und wiedergeboren sind. Die Wiedergeburt in dieselbe Familie ist häufig. Man kann also, wie im Falle William George, sein eigener Grossvater sein! Der Ahnenkult bekommt so eine neue Bedeutung! Indem wir die Ahnen verehren, verehren wir uns selbst, und zwar im doppelten Sinne: genetisch und spirituell.

•   Die Erinnerungen und Identifikationen bei Stevenson betreffen fast immer nur ein früheres Leben, im Gegensatz zu Trance- und Hypnose-Sitzungen zum Zwecke der Regression, in denen häufig mehrere frühere Leben erinnert werden.

•   Die durchschnittliche Zeit zwischen den beiden Leben, dem jetzigen und dem erinnerten,  beträgt bei Stevenson 5 ½  Jahre.

•   Unter den „20 Fällen“ bei Stevenson [1974] gibt es nur wenige und nur unspektakuläre Fälle mit außergewöhnlichen und unerklärlichen Fähigkeiten des Kindes im Sinne von Wunderkindern. Stevenson [1984] untersuchte hingegen sehr genau einige wirklich erstaunliche Fälle von Xenoglossie, d.h. des Sprechens fremder, bisweilen uralter Sprachen. Es kam ihm darauf an zu ergründen, ob diese Fähigkeiten irgendwie in diesem Leben erworben sein können, unter Berücksichtigung des Phänomens der Kryptomnesie (früher erworbenes, aber völlig vergessenes Wissen), was aber in einigen Fällen gänzlich auszuschließen war.

•   Die meisten Menschen erinnern sich gewöhnlich nicht an ihre früheren Leben. Wir sprechen von einer Amnesie bezüglich unserer Vergangenheit, etwa vergleichbar mit dem Vergessen der meisten Träume. Wenn es Reinkarnation wirklich gibt, dann ist diese Amnesie grundlegend für unser Dasein. Denn wären wir unserer früheren Existenzen stets gewahr, dann hätten wir ein völlig anderes Verständnis unserer selbst und der Welt, in der wir leben. Das herrschende materialistische Weltbild hätte sich niemals herausbilden können, unsere Einstellung zu Leben und Tod, zu unserer Um- und Mitwelt wäre eine ganz andere. Auch würden die grossen monotheistischen Religionen nicht die Reinkarnation leugnen und müssten also anders verfasst werden.

Die Amnesie ist aber nicht total: Gelegentlich kommen spontane (und zugleich echte!) Erinnerungen an frühere Leben vor, wie in den besprochenen Beispielen. Vielleicht erinnern wir uns viel öfter an Bruchstücke früherer Leben, als uns bewusst ist. Vor allem bei Kindern scheint das auch in unserer Kultur durchaus häufig zu sein, siehe z. B. im Literaturverzeichnis Carol Bowman:  „Ich war einmal …“,   und Joanne Klink:  „Früher, als ich groß war“.

Allerdings werden die Schilderungen unserer Kinder von uns Eltern meist nicht ernst genommen, da wir von früheren Leben nichts wissen und auch nichts wissen wollen.

Amnesie im allgemeinen ist nichts Ungewöhnliches, haben wir doch denselben Zustand der Unkenntnis über unsere frühe Kindheit, über unsere (traumatische) Geburt und über unsere Zeit im Mutterleib. Ebenfalls erinnern wir uns an die meisten Träume nicht.

Hier noch eine Auffälligkeit bei den von Stevenson untersuchten Kindern:     Die erinnerten früheren Leben der Kinder endeten fast immer in jungen Jahren und relativ oft (in 51 % der Fälle) durch gewaltsame Tode.

                  Quellen unserer Kenntnis über Reinkarnation

•   Spontane Erinnerungen wie bei Stevenson,  bis dato über 2500 recherchierte Fälle, gewöhnlich bei Kindern, deren Erinnerungen beim Heranwachsen verlorengehen. Das besondere Kennzeichen der Stevenson’schen Forschung ist die Verifikation unter Ausschluss normaler Informationsquellen. Der wissenschaftliche Standard der Forschungsmethoden und der Überzeugungsgrad sind sehr hoch.

•   Hypnotisch induzierte Regressionen. Sie gelten vom wissenschaftlichen Standpunkt aus bezüglich der Frage, ob wir wiedergeboren werden, als wenig ergiebig, da so gut wie niemals verifizierbar. Jedoch ist nachgewiesen, dass Phantasie, traumähnliche Inszenierungen der jetzigen Lebenssituation, Reproduktion von Gelesenem und im Kino/Fernsehen Gesehenem, auch alte Mythen und Legenden, oft der Hintergrund der vermeintlichen früheren Leben sind. Diskutiert werden auch: Einflussnahme des Hypnotiseurs (die EEGs von Hypnotiseur und Hypnotisand synchronisieren sich!), morphogenetische Felder, kollektives Unbewusstes nach C. G. Jung, Einwirkung von Geistwesen, usw. Zur Problematik von Erinnerungen, die in Regressionen hervortreten, siehe den Abschnitt „Glaubwürdigkeit“ auf der Seite A4: Zwischenreich.  Unbeschadet dessen können die therapeutischen Ergebnisse solcher "Rückführungen" durchaus positiv sein.

•   Erinnerungen und Identifikationen in mediumistischer Trance. Es gibt eine Menge methodisch guter Forschung über die Arbeit von Medien, vor allem durch die (British) Society for Psychical Research (SPR, www.spr.ac.uk). Obwohl die Medien oft erstaunliche Dinge zu berichten wissen, gelten ihre Mitteilungen kaum als Beweis für ein Weiterleben nach dem Tode, da ihre Kenntnisse oftmals doch durch normale Kommunikation erworben sein konnten oder durch telepathisches Anzapfen an- oder abwesender Personen. Bei nicht streng wissenschaftlicher Untersuchung spielt auch die Leichtgläubigkeit und Suggestibilität des Publikums eine Rolle. Dies ändert nichts daran, dass es offenbar Medien mit bemerkenswerten Fähigkeiten gibt.

•   Eine weitere sehr wertvolle Quelle unseres Wissens über Reinkarnation mit allerdings eher heuristischem Wert ist das Studium der zahlreichen Kulturen mit lebendigem Reinkarnationsglauben, am ehesten vielleicht bei Naturvölkern, aber auch das Studium des tibetischen Totenbuches.

•   Im vorchristlichen Abendland sind es vor allem Pythagoras, Platon, Appollonius und Plotin sowie deren Schüler, die den Reinkarnationsglauben pflegten.

Nicht zur Kenntnis der Reinkarnation tragen die drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam bei, da sie den Reinkarnationsglauben ablehnen.

Ausnahmen:    Das frühe Christentum, namentlich Origenes und seine Anhänger und die Gnostiker, bis zum Verbot des Reinkarnationsglaubens durch Konzilsbeschluss im Jahre 553. Trotzdem gab es im Abendland neben ganzen Gruppen wie den Katharern auch immer wieder Einzelpersönlichkeiten, die an Reinkarnation glaubten, wie z.B. Giordano Bruno, Lessing, Schiller, Goethe, Albert Schweitzer, Leo Tolstoi, Arthur Schopenhauer, Gustav Mahler, Paul Gaugin, Rudolf Steiner, C.G.Jung, um nur einige wenige zu nennen. Jesus selbst sah Johannes den Täufer als den wiedergeborenen Propheten Elias an. Im Judentum ist bemerkenswert das Auftreten des Reinkarnationsglaubens bei den Chassidim und bei den Kabbalisten im frühen Mittelalter, worüber uns Rabbi Gershom [1997] berichtet. Im Islam: die Alevi, eine Schiiten-Sekte in der Türkei, und die Drusen in Teilen Libanons, Syriens, Israels und Jordaniens, kennen den Reinkarnationsglauben.

                  Grundannahmen der Reinkarnationstheorie

Ich versuche hier, einige Postulate über die Reinkarnation zu formulieren, die sich für mich aus den vorliegenden Forschungs-Materialien ergeben. Jedes dieser Postulate muss vielleicht in der Zukunft relativiert, modifiziert oder korrigiert werden.

1.   Die vorangehende Inkarnation erleidet ihren physischen Tod vor dem Eintritt des Geistes in den neuen Körper.

2.   Das Ich bleibt über die Inkarnationen hinweg mit sich selbst identisch. (Ich-Identität, Konstanz der Persönlichkeit.)

3.   Die kalendarische Reihenfolge der einzelnen Leben ist unveränderlich. Auch über die verschiedenen Leben hinweg gibt es die Ordnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Oder anders gesagt: Auch über die verschiedenen Leben hinweg haben wir die Linearität der Zeit.

4.   Die Geschehnisse in unseren früheren Leben sind, genau wie die Vergangenheit im jetzigen Leben, unveränderlich. Die Abrufbarkeit und Genauigkeit der Erinnerungen kann jedoch, so wie im gewöhnlichen Leben, gut oder schlecht sein. Die Versuche einiger Therapeuten, in der Regression die gehabten traumatischen Erlebnisse früherer Leben zu korrigieren, sind vielleicht therapeutisch gut gemeint, sind aber logisch absurd, wenn die Erinnerungen historisch zutreffend sind.

5.   (versuchsweise und in einem gewissen Gegensatz, aber nicht notwendig im Widerspruch zu den vorangehenden Punkten 3 und 4):  In einem noch genauer zu definierenden Sinne, vielleicht im Sinne eines holografischen Weltbildes, finden alle Leben zeitlos zugleich statt. Es ist oft erstaunlich, wie gegenwärtig ein früheres Leben in einer Regression sein kann, und wie es in das jetzige Leben hineinwirkt. Manche Reisende in die Vergangenheit haben das unmittelbare, elementare Erlebnis dieser gleichzeitigen Präsenz mehrerer Leben. Ich meine, dass die verschiedenen Leben dennoch durchaus einen zeitlichen Aspekt haben, da sie manchmal recht gut oder sogar genau kalendarisch datierbar sind. Sie scheinen aber auch diesen Aspekt der Zeitlosigkeit zu haben, der vielleicht eine Eigenschaft der spirituellen Dimension unserer Welt ist. Wir sind weit davon entfernt, die geistige Welt zu verstehen. Zusammengefasst: Das Universum hat vermutlich einen zeitlichen und einen zeitlosen Aspekt.

6.   Die Seele hat zwischen den irdischen Leben Bewusstsein und erlebt auch die Zeit zwischen den Inkarnationen als einen Teil des Kontinuums ihrer Existenz. (Diese Aussage findet in den Stevenson’schen Beobachtungen keine Stütze, denn dort sind kaum Informationen über die Zeit zwischen den Leben enthalten. Die Aussage leitet sich aus dem späteren Abschnitt über das Zwischenreich her.)

7.   In der Zwischenzeit zwischen den Leben besteht keine Amnesie bezüglich der Vergangenheit, insbesondere nicht bezüglich der vorangehenden irdischen Leben. Im Gegenteil: Unsere gesamte Vergangenheit, unsere vorangehenden irdischen Leben und auch unsere Aufenthalte im Bardo liegen wie ein offenes Buch vor uns. Im Gegensatz hierzu erinnern wir uns im irdischen Leben gewöhnlich nicht an unseren vergangenen Aufenthalt im Zwischenreich und auch nicht an unsere früheren Leben. Hier besteht sehr wohl eine Amnesie, die aber nicht immer vollständig ist. Gelegentlich kommen spontane, verifizierbare Erinnerungen an frühere Leben vor.

                  Glaubwürdigkeit

Die Glaubwürdigkeit der Forschungen Stevenson’s und seiner erwähnten Kollegen ist ausserordentlich hoch. Wer sich intensiv mit den Materialien beschäftigt, kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass es Kinder gibt, die sich spontan und nachprüfbar an frühere Leben erinnern, und dass diese Leben tatsächlich hier auf Erden gelebt wurden. Es gibt also Reinkarnation, und damit gibt es eine geistige Welt, und das ist in einer Zeit, die von einem materialistisch-mechanistischen Weltbild beherrscht wird, eine Notiz wert.

Allerdings sind die Schlussfolgerungen, die wir aus diesen Materialien ziehen können, durchaus begrenzt:

•   Wir erfahren z. B. nichts über die Anzahl unserer irdischen Existenzen insgesamt.

•   Ebensowenig sagt das Material etwas darüber aus, ob wir alle reinkarnieren, und wenn ja, ob immer als Menschen und ob immer auf diesem Planeten.

•   Aus Stevenson’s Beobachtungen lässt sich nichts über einen Lernprozess oder eine Höher-Entwicklung über die verschiedenen Leben hinweg herleiten. Die Karma-Lehre erfährt hier keine Unterstützung. (Sie wird allerdings auch nicht widerlegt.) Näheres zur Karma-Lehre siehe auf Seite A4 über das Zwischenreich.

•   Es lässt sich auch nichts herleiten über die sogenannten Reinkarnations-Sippen, die Ansicht also, dass wir in den verschiedenen Leben immer wieder denselben Menschen begegnen.

•   Wir erfahren nichts über unsere Erlebnisse im Bardo, im Reich zwischen den irdischen Leben, auch nicht, ob es den Bardo überhaupt gibt.

•   Ich habe den Eindruck, dass sich diese Methode Stevenson’s erschöpft hat. Wenn ich seine Forschungen und die seiner Kollegen seit ihren Anfängen bis heute Revue passieren lasse, so scheint es, dass sie vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen nichts wesentlich Neues mehr bringen. Viele Einzelheiten mögen immer noch interessant sein, aber die Grunderkenntnis ist da und scheint sich nicht mehr zu ändern. Das heisst mit anderen Worten: Um die vielen noch offenen Fragen zu beantworten, braucht es neue Wege, neue Forschungsansätze, die erst noch gefunden werden müssen.

Der Erfahrungsschatz, den uns Stevenson erschliesst, ist also sehr begrenzt und lässt viele Fragen offen. Sein unschätzbarer Wert besteht aber darin, dass hier die Existenz einer geistigen Welt mit wissenschaftlicher Strenge nachgewiesen ist. Damit wurde das Tor geöffnet für weitere Forschungen über die nicht-materiellen Dimensionen unseres Universums.

So gut die Nachweise für die Existenz von Reinkarnation auch sind, so müssen wir doch erkennen, dass wir über die geistige Welt sehr wenig wissen. Da wir sie uns nur in den Kategorien unserer hiesigen Welt ausmalen können, machen wir uns unsere Vorstellungen über die andere Wirklichkeit so, dass sie der unseren ähnlich ist, mit Landschaften, Raum und Zeit. Wir können zwar abstrakt denken, dass es dort Zeit und Raum nicht gibt, aber vorstellen können wir uns das nicht. Da wir noch sehr wenig über die spirituellen Dimensionen wissen, müssen wir erwarten, dass wir unsere bisherigen Bilder von ihnen mit weiterem Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis noch ganz erheblich werden revidieren und präzisieren müssen. Doch der erste Schritt ist getan.

Über die Fragen, die sich diesem ersten Schritt anschliessen und über ihre wissenschaftliche Erforschung berichte ich auf den folgenden Seiten dieser Website. Dabei wird es so sein, dass auch den Nahtodeserlebnissen eine hohe Authentizität zukommt, während die vorhandenen Erkenntnisse über den Bardo unsicher sind.

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home                                 joachimhornung@gmx.de            18.02.2005

                  Literatur  zur  Reinkarnationsforschung

•  Die zwei wichtigsten Titel sind Fett markiert.      • Fett-kursiv bedeutet: „leichter Einstieg“.

Bache, Christopher M.: Das Buch von der Wiedergeburt. Scherz 1998.  „Lifecycles: Reincarnation and the Web of Life“.  Paragon 1990

Baker, Douglas: Reinkarnation. Edizioni Crisalide 1998. „Reincarnation – Why, where and how we have lived before“ © Douglas Baker 1981

Bowman, Carol: „Ich war einmal …“ – Kinder erinnern sich an frühere Leben. Heyne, München 2000.  „Children's Past Lives“.  Bantam 1997

Bowman, Carol: Return from Heaven – Beloved Relatives Reincarnated Within Your Family. HarperCollins  2001

Children’s Past Lives Research Center: http://www.childpastlives.org/index.htm, entstand aus der Zusammenarbeit von Carol Bowman mit Ian Stevenson. Sehr gute Inhalte.

Dargyay, Eva und  Dargyay, Geshe Lobsang: Das Tibetische Buch der Toten – Die erste Originalübertragung aus dem Tibetischen. O.W.Barth  [1977] 1999

Deardorff, James W.: http://www.proaxis.com/~deardorj/rebirth.htm, an excellent bibliography supporting reincarnation.

Fiore, Edith: You Have Been Here Before. Ballantine, NewYork 1978

Fisher, Joe: The Case for Reincarnation. William Collins 1984, Bantam 1985

Gershom, Yonassan: Kehren die Opfer des Holocaust wieder? Verlag am Goetheanum 1997. „Beyond the Ashes – Cases of Reincarnation from the Holocaust“  und  “From Ashes to Healing – Mystical Encounters with the Holocaust”. A.R.E. Press 1992 & 1996

Gosztonyi, Alexander: Die Welt der Reinkarnationslehre. Windpferd  1999

Hammerman, David & Lenard, Lisa: (The Complete Idiot's Guide to) Reincarnation. alpha books 2000

Haraldsson, Erlendur: Children Claiming Past-Life Memories – Four Cases in Sri Lanka. The Journal of Scientific Exploration 5, No. 2 (1991) pp. 233-261

Karlén, Barbro: "… und die Wölfe heulten“. Perseus, Basel  [1997]  1998

Klink, Joanne: Früher, als ich groß war – Reinkarnationserinnerungen von Kindern. Aquamarin 2000

Mackenzie, Vicki: Im Westen wiedergeboren. Diamant 1996.  „Reborn in the West“. Bloomsbury, London 1995

Mackenzie, Vicki: Die Wiedergeburt - Ein tibetischer Lama kehrt zurück. Diamant 1994. „Reincarnation – The Boy Lama“. Bloomsbury 1988

Michel, P., Wagner, A.: Reinkarnation. Tosa, Wien  2000

Netherton, Morris and Shiffrin, Nancy: Bericht vom Leben vor dem Leben –Reinkarnationstherapie – Ein neuer Weg in die Tiefen der Seele  Ullstein 1987, Scherz 1984, 1997.  "Past Lives Therapy“. William Morrow 1978, auch als pdf-Datei zu beziehen über    http://www.aaple.com/bookstore

Netherton, Morris: Strangers in the Land of Confusion. Authors Choice Press 2000. Als pdf-Datei zu beziehen über    http://www.aaple.com/bookstore

Powers, Rhea: Reinkarnation - oder die Illusion der persönlichen Identität. Ch. Falk 1996.  “From Karma to Grace”. © Rhea Powers 1989

Rawat, K. S.: The Case of Shanti Devi. http://www.childpastlives.org/shanti_devi.htm

Shroder, Tom: Old Souls - The Scientific Evidence for Past Lives. Simon & Schuster  1999

Sogyal Rinpoche: Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben. O.W. Barth  1994.  „The Tibetan Book of Living and Dying“, HarperCollins

Somé, Malidoma Patrice: Vom Geist Afrikas - Das Leben eines afrikanischen  Schamanen. Diederichs 2000. „Of Water and the Spirit“. Tarcher/Putnam 1994

Sommer, Andreas: Leben nach dem Tod? - Die wissenschaftliche Erforschung der Frage nach dem Fortleben: Geschichte, Fragestellungen, Status und Implikationen der "Survival Research".  www.forumkontrovers.de/index/historie-Dateien/Survival.htm

Stevenson, Ian [1960]: The Evidence for Survival from Claimed Memories of Former Incarnations.  Journal of the American Society for Psychical Research (ASPR), Volume 54, Part I: Review of the Data. pp. 1-71,    Part II: Analysis of the Data and Suggestions for Further Investigations. pp. 95-117, 1960

Stevenson, Ian [1974]: Reinkarnation – Der Mensch im Wandel von Tod und Wiedergeburt – 20 überzeugende und wissenschaftlich bewiesene Fälle. Aurum 1994;  “Twenty Cases Suggestive of Reincarnation”, University Press of Virginia, 2nd Edition [1974] 1995. Das Standardwerk, welches man gelesen haben sollte, wenn man sich ein Urteil bilden will.

Stevenson, Ian [1977]: Research into the Evidence of Man's Survival after Death. The Journal of Nervous and Mental Diseases, Vol.165, No.3, pp.152- 170, 1977

Stevenson, Ian [1984]: Unlearned Languages. University Press of Virginia 1984

Stevenson, Ian [1997]: Reinkarnationsbeweise - Geburtsnarben und Muttermale belegen die wiederholten Erdenleben des Menschen. Aquamarin 1999;  “Where Reincarnation and Biology Intersect”. Praeger 1997.  Dieses ist eine Kurzfassung von “Reincarnation and Biology: A contribution to the Etiology of Birthmarks and Birthdefects”, einer medizinischen Darstellung mit ausführlichem Dokumentations­material zu 225 Fällen. In diesen Büchern wird der letztendliche Beweis geführt (soweit so etwas überhaupt möglich ist), dass es sich in mindestens 25 Fällen sicher nicht um Retrokognition, um mütterliche Impression oder um  Besetzungen handelt, sondern um echte Reinkarnation.

Stevenson, Ian [2001]: Children Who Remember Previous Lives. McFarland  2001. Kann als Zusammenfassung der Erfahrungen gesehen werden, die Stevenson in jahrzehnte­langer Forschungsarbeit gesammelt hat. Eine Fundgrube von Details und Aspekten für den fortge­schrittenen Leser. Seltsamerweise sind als Fallbeispiele nicht die beweis­kräftigsten ausgewählt. Ergiebigere Fallbeispiele finden sich u. a. in Stevenson [1974], sowie in Stevenson: „Sweet Swarnlata“ und in Rawat, K. S.: „The Case of Shanti Devi“ im Internet; vrgl. die entsprechenden Zitate in diesem Literaturverzeichnis.

Stevenson, Ian [2003]: European Cases of the Reinkarnation Type. McFarland 2003

Stevenson, Ian: Sweet Swarnlata. http://www.childpastlives.org/swarnlata.htm

Stevenson, Ian: www.childpastlives.org/stevenson_articles.htm,

Wambach, Helen: Life before Life. Bantam [1979] 1984.  Leben vor dem Leben. München 1985

Weiss, Brian L.: Many Lives - Many Masters. Simon & Schuster, New York 1988;  Die zahlreichen Leben der Seele. München 1994

Weiss, Brian L.: Die Liebe kennt keine Zeit – Eine wahre Geschichte. Econ & List 1999.  „Only Love is Real.“ Warner 1996

Woitinas, Siegfried:  Von Leben zu Leben. Urachhaus  1997

Zander, Helmut: Geschichte der Seelenwanderung in Europa, Primus 1999              

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