home = www.mutual-mente.com             joachimhornung@gmx.de                    27.03.2005

A4.     Über den Aufenthalt der Seele im Zwischenreich

Synonyme:    Zwischenreich, Bardo, Leben zwischen den Leben, Jenseits

Suchwörter:   Zwischenreich, Bardo, Leben zwischen den Leben, Jenseits, Frederic Myers, Karma, Kreuzkorrespondenz, Michael Newton, Joel Whitton, tibetisches Totenbuch

Inhalt      •  Zusammenfassung

                •  Einführung

•   Die Kreuzkorrespondenzen von Frederic Myers,

•   Die hypnotischen Rückführungen ins Zwischenreich von  Michael Newton.

•   Das „Leben zwischen den Leben“ von Whitton und Fisher.

•   Der karmische Weg

•   Glaubwürdigkeit bei Newton und bei Whitton und Fisher

•   Sieben verschiedene Auffassungen von Karma,

•   Das tibetische Totenbuch.

•   Literaturangaben

 

Zusammenfassung.     Über unsere Erlebnisse zwischen den irdischen Leben im Zwischenreich oder Bardo erfahren wir etwas durch die Kreuzkorrespondenzen von Frederic Myers, durch die hypnotischen Rückführungen von Michael Newton und von Joel Whitton, und historisch weitaus älter: durch das tibetische Totenbuch.  Die Glaubwürdigkeit der neueren Autoren wird sehr kritisch unter die Lupe genommen.

Einführung

Wenn Reinkarnation eine Tatsache ist, dann schildern uns die Nahtod-Erfahrungen wohl wirklich den Eintritt in die geistige Welt.

Wenn Reinkarnation eine Tatsache ist, ist die Frage nach dem Leben zwischen den Leben legitim.

Wenn Reinkarnation eine Tatsache ist, besteht berechtigte Hoffnung, dass wir doch noch eine Antwort auf unsere uralten Fragen nach Sinn und Zielsetzung unseres Lebens finden können.

Nach den Ergebnissen der Reinkarnations- und Nahtodes-Forschung kann man vermuten, dass die Seele sich zwischen den Leben ihrer selbst bewusst ist und sich an wahrnehmbaren Orten aufhält. Diese Vermutung wird auch nahegelegt durch die vielen Schilderungen des Jenseits in allen Kulturen und Traditionen. Ja, man kann sogar vermuten, dass die Seele dort im Zwischenreich einen grösseren Überblick über ihre verschiedenen Existenzen im Diesseits und im Jenseits hat, als das im irdischen Leben gewöhnlich der Fall ist.

Die gegenteilige Auffassung wäre die, dass die Seele sich zwischenzeitlich nirgendwo aufhält und währenddessen auch kein (Selbst-) Bewusstsein hat. Dies, obwohl nach irdischen Massstäben ja offensichtlich Zeit vergeht, meist ein paar Jahre.

Über die Welt, die wir nach dem physischen Tode betreten, gibt es seit altersher detailfreudige Vorstellungen, nämlich die von Himmel und Hölle, vom Jenseits in all seinen Schattierungen. Allerdings sind diese Vorstellungen in den verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedlich und können so kaum als Ausgangspunkt eines wissenschaftlichen Zugangs zu dieser Thematik dienen.

Gibt es Materialien, die Aussagen über unseren Aufenthalt im Zwischenreich machen, und die unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten den Tatsachen entsprechen könnten?  Diese sehr vorsichtige Formulierung soll andeuten, dass die Beweislage hier schwächer sein wird als bei dem Nachweis, dass es Reinkarnation wirklich gibt.  Dennoch soll hier etwas über diese Materialien berichtet werden, um die weissen Flecken auf der Landkarte der geistigen Welt ein wenig zu kolorieren. Als Quellen diskutabler Hypothesen über das Zwischenreich sollen jetzt der Reihe nach die im Inhaltsverzeichnis genannten besprochen werden.

                  Die Kreuzkorrespondenzen von Frederic Myers

Frederic Myers lebte von 1843 bis 1901, gründete die British Society for Psychical Research und war lange Jahre deren Präsident. Sein großes Interesse galt dem Nachweis eines Weiterlebens nach dem Tode, und er schrieb nach 20-jährigem Studium das unübertroffene Werk: „Human Personality and its Survival of Bodily Death“.  Wenige Wochen nach Myers’ Tod begannen Schreibmedien in weit voneinander entfernten Teilen der Welt – in den USA, in England und in Indien – die nichts voneinander wussten, merkwürdige Texte zu schreiben, die je für sich genommen keinen Sinn ergaben. Da aber Anweisungen enthalten waren, wie die Medien miteinander Kontakt aufnehmen sollten, geschah dies schließlich, und zusammengefügt machten die Texte Sinn, wenn auch immer noch merkwürdig genug. Sie waren mit „Myers“ signiert und schienen von dem verstorbenen Frederic Myers zu stammen.

Über 30 Jahre hinweg wurden von insgesamt 12 Schreibmedien über 1000 Mitteilungen bis zu je 40 Seiten Länge geschrieben. Es hat den Anschein, dass der verstorbene Myers aus dem Jenseits versuchte, uns davon zu überzeugen, dass es ein Weiterleben nach dem Tode gibt, und dies auf sehr spezielle Art und Weise.  Als alternative Erklärung für das Phänomen bleibt nur noch telepathischer Kontakt zwischen den Schreibmedien, wobei aber bekannt ist, dass diese zu Anfang nichts voneinander wussten.

Myers versucht nicht nur, den Beweis für unsere Unsterblichkeit zu erbringen, sondern er informiert gleichzeitig auch ausführlich über die andere Welt. Er beschreibt sie als aus sieben verschiedenen Ebenen bestehend, die der Mensch im Laufe seiner Entwicklung durchschreitet. In aller Kürze:

Die erste Ebene ist die normale, uns gewohnte hiesige Welt. Nicht selten verbleiben wir noch nach dem Tode körperlos auf dieser Ebene als Spukgeister oder Besetzer, vor allem nach plötzlichen unnatürlichen Toden wie etwa durch Gewalttaten oder Unfälle.

Die zweite Ebene wird im Sterbeprozess nur kurz durchschritten, wie wir es aus den oft geschilderten Erlebnissen nahe des Todes kennen: Durchgang durch den Tunnel, Lebensrückschau, Konflikt zwischen Voranschreiten oder Zurückkehren ins physische Leben.

Die dritte Ebene ist das schöne Land der Illusionen, in welchem alle unsere Wünsche erfüllt werden. Sie ist eine Kreation unseres Geistes. Die meisten von uns kommen dorthin. Es ist der uns von den Religionen versprochene Himmel oder das Paradies. Von dieser Ebene aus können wir wiedergeboren werden. Andererseits können wir, wenn wir alle Illusionen abgelegt haben, von dort aus auch weiter aufsteigen.

Die vierte Ebene: Nach Überwindung aller Wünsche können wir in das Reich der Vollkommenheit eintreten, in welchem wir mit einem höheren Bewusstsein überirdisch schöne Dinge erschaffen können. Von dort aus werden wir nicht wiedergeboren.

Die fünfte Ebene:  Über diese und die folgenden Ebenen kann Myers nur vom Hörensagen berichten, da er sich selbst während seiner Kommunikationen erst in der vierten Ebene aufhielt. Auf der fünften Ebene, der Flammen-Ebene, bekommen wir einen Körper wie eine Flamme, mit welchem wir durch die gesamte Sternenwelt reisen können, ohne zu verbrennen, mit dem Ziel, eine vollständige Erfahrung des gesamten physischen Universums zu machen.

Die sechste Ebene ist die Ebene des Lichts, in der sich gereifte Geistwesen aufhalten, die alle Aspekte der Schöpfung mit tiefem Verständnis durchlebt haben. Sie existieren als weisses Licht, als reine Gedanken, und können Materie und Form hinter sich lassen.

Die siebente Ebene ist das letztendliche Ziel unserer langen Reise, wo wir in das nicht mehr Benennbare eintreten und eins werden mit Gott, so Myers.

Neben diesen sieben Ebenen erwähnt Myers nur kurz den Hades, die Unterwelt. Dorthin gelangen nach dem Tode nur wenige von uns. Nach Myers befinden sich die Unglücklichen dort in einem schrecklichen, komatösen Zustand ohne jede Hoffnung. Mehr kann er darüber nicht sagen, da er dort selbst nicht war.

Nach Myers beginnen wir unseren langen Weg durch die vielen physischen Existenzen als einzelnes Molekül, dann werden wir Mineral, später Pflanze, dann Tier, danach Mensch, um schließlich in einen rein geistigen Zustand einzutreten. Der Sinn dieses Weges ist die Entwicklung des Geistes in der Materie, so sagt er.

Die Existenz als Mensch auf der ersten Ebene, also hier auf unserem Planeten, ist nach diesen Beschreibungen ein Zwischenzustand, der dem Lernen dient. Der Mensch lebt in Unwissenheit, in Ich-Bezogenheit, Grausamkeit und Hass gegenüber anderen. Er verletzt andere, sucht sie zu beherrschen, auszubeuten und zu zerstören. Erst wenn er nach einem langen Lernprozess diese Neigungen durch selbstlose Liebe ersetzt hat, kann er zur nächsten Stufe aufsteigen, in der er nicht mehr als Mensch verkörpert sein wird. Auf diese Weise macht Myers die Zustände auf unserem Planeten verständlich, indem sie dem Lernen dienen.

Glaubwürdigkeit bei Myers.       Wenn Myers mit uns tatsächlich aus der geistigen Welt kommuniziert hat, dann gibt es eine geistige Welt, und wir haben eine Fülle von Informationen über sie in Händen. Um die Glaubwürdigkeit der Texte Myers’ einzuschätzen, bedarf es eines sehr sorgfältigen Studiums des umfangreichen Materials und aller Umstände seiner historischen Entstehung und Zusammenführung. Merkwürdig genug, dass sie so wenig bekannt sind. Eine Stütze erfahren die Mitteilungen Myers’ durch die nachfolgend geschilderten Arbeiten von Newton sowie von Whitton und Fisher. Von wissenschaftlichen Beweisen etwa in der Art der Verifikationen bei Stevenson kann hier jedoch nicht die Rede sein.

                  Hypnotische Rückführungen von Michael Newton

Michael Newton führte viele Menschen unter Hypnose in frühere Leben und auch in die Zeit zwischen den Leben zurück. Solche Rückführungen können für die Klienten hilfreich sein, da sie es ihnen ermöglichen, größere Zusammenhänge ihrer Existenz und auch karmische Verursachungen ihrer Probleme zu erkennen. Ob die Rückführungen tatsächlich in frühere Leben und in den Bardo führen oder ob sie Phantasieprodukte, Inszenierungen aktueller Lebensprobleme der Klienten sind, sei zunächst dahingestellt. Für den Therapeuten ist der therapeutische Erfolg ausschlaggebend.

Newton ist aber offensichtlich auch ein Forscher, der viel über die jenseitige Welt erfahren will. Bei der Erforschung der jenseitigen Welt ging er bei der Gelegenheit der Rückführungen seiner Klienten recht systematisch vor, und so entstand ein in sich geschlossenes, zugleich aber auch differenziertes Bild jener Dimensionen und unserer Erlebnisse dortselbst. Für die Einzelheiten empfehle ich die Lektüre der Bücher Newton's.

Newton führt seine Klienten unter Hypnose, wenn wir hier an Myers’ Schema anknüpfen, in die dritte Ebene des Zwischenreichs. Myers’ Stufenschema der verschiedenen Ebenen passt zwanglos zu Newton's Berichten. Über die vierte und die höheren Ebenen Myers’ wissen die Klienten Newton's naturgemäß nichts zu berichten, da sie dort nicht gewesen sind, denn sie wurden alle wiedergeboren. Auf der dritten Ebene erfahren sie Hilfe und Unterstützung von Lehrern, die bereits einen höheren Entwicklungszustand erreicht haben, was an der Farbe deren Aura erkenntlich ist. Die weniger hoch entwickelten Lehrer werden ihrerseits von höher entwickelten Lehrern geleitet. Die Unterstützung, die wir von unseren Lehrern erfahren, hat hauptsächlich die Form, dass wir Gelegenheit bekommen, unsere Charakterschwächen zu erkennen, um an ihnen zu arbeiten und sie schließlich zu überwinden. Die Lehrer oder Geistführer begleiten uns auch im irdischen Leben. Sie haben ganz unterschiedliche Methoden der Hilfestellung, und nicht immer nur bequeme. Doch die Arbeit, die zu tun ist, müssen wir – hier und auch dort drüben – selber tun!

Die Aufarbeitung der vergangenen Leben geschieht unter Anleitung der Lehrer in kleinen Gruppen von Seelen, die untereinander alle ungefähr den gleichen Entwicklungsstand haben. Die Mitglieder einer Gruppe treffen sich zwischen den Inkarnationen im Jenseits meist mit demselben Lehrer wieder. Die Seelen einer Gruppe werden auch meist planvoll in dieselbe irdische Umgebung hineingeboren und begegnen sich auch hier. Man spricht von Reinkarnations-Sippen. Sie begleiten sich über viele Inkarnationen hinweg, kennen sich sehr gut und unterstützen sich in ihrer Entwicklung. Von anderen Seelen aus anderen Gruppen und von anderen Lehrern, denen sie nicht begegnet sind, wissen die Klienten wenig zu berichten.

Newton kann im Gespräch mit einem Klienten erkennen, ob dieser in seiner spirituellen Entwicklung schon weiter fortgeschritten ist oder nicht. Ein äußerliches Indiz ist wiederum die Farbe seiner Aura in der jenseitigen Welt. Im Laufe unserer Entwicklung wandelt sich die Farbe von reinem Weiss über Goldgelb, Hellblau, dann Blauviolett bis zu einem tiefen Violett, wobei letzteres allerdings selten vorkommt, da es einen sehr hohen Zustand charakterisiert. Grün kommt in der Skala nicht vor. Der Entwicklungszustand einer Seele ist nicht gleichzusetzen mit der Anzahl der bereits als Mensch gelebten Leben; es kommen alle Kombinationen vor von oft/selten inkarniert mit wenig/weit fortgeschritten. Menschen mit vielen vergangenen Leben nennt man alte Seelen. Nach Newton sind die meisten derzeit auf dem Planeten lebenden Menschen jedoch junge Seelen.

Ist ein Lehrer noch nicht sehr weit fortgeschritten, so kann es durchaus sein, dass er/sie selbst auch wieder inkarniert. Ja, es kommt sogar vor, dass wir unserem Lehrer in unserem irdischen Leben als Mensch begegnen, vielleicht sogar als einem Angehörigen, z. B. einem eigenen Kind.

Laut Newton's Informanten kann eine Seele sogar zu gleicher Zeit zweifach an verschiedenen Orten in zwei verschiedenen Körpern auf diesem Planeten inkarniert sein, eine Mitteilung, die befremdet und Fragen zur oben postulierten Ich-Identität oder Einheit der Persönlichkeit aufwirft. – Die Seelen werden auch in andere Welten geschickt, um dort Erfahrungen zu machen. Unsere Erde ist ein sehr spezieller, schwieriger Ort, aber sie ist nicht wirklich real, –  sie ist nur simuliert, damit die Seelen die Erfahrungen machen können, die sie zu ihrer Entwicklung benötigen.

Newton schildert die verschiedenen Stadien der Arbeit im Zwischenreich bis hin zur Planung eines neuen Lebens, bis hin zur Auswahl der Lebensbedingungen, des Geburtsortes, der Eltern, des neuen Körpers und der Seelengeschwister, die zugleich in dieselbe Umgebung hineingeboren werden. – –

Schon seit langem hatte ich eine Diskrepanz darin gesehen, dass die Personen, die uns jenseits des Tunnels in der schönen Landschaft begrüßen, bisweilen schon seit Jahrzehnten tot sind und demzufolge vermutlich längst wiedergeboren sein mögen. Wir müssen heute mit recht kurzen Zeiten zwischen den irdischen Leben rechnen, wie bereits erwähnt. Newton bekräftigt, dass diese verstorbenen Personen sehr wohl bereits wiedergeboren sein können, obwohl sie uns gleichzeitig dort drüben als geistige Wesen empfangen. Wenn dem tatsächlich so ist, dann können wir uns nur eingestehen, dass wir die Gesetze der geistigen Welt noch sehr wenig verstehen.

Glaubwürdigkeit bei Michael Newton:     Siehe hierzu die Bemerkungen am Ende des folgenden Abschnitts über Whitton und Fisher.

                  Das Leben zwischen den Leben“     von Whitton und Fisher

Joel Whitton war einer der ersten, der eine grosse Zahl von Menschen unter Hypnose in das Zwischenreich geführt hat; siehe das äusserst gehaltvolle Büchlein von Whitton und Fisher [1986]. (Edith Fiore berichtete schon 1978 von einigen ihrer Klienten, die in der Regressionstherapie dieses unbekannte Land betreten hatten, und etliche Klienten Helen Wambach's [1979] hatten dort Erlebnisse.) 

Joel Whitton, ein angesehener Psychiater an der Universität von Toronto, führte über 20 Jahre lang Patienten in frühere Leben zurück und konnte so manchem bei seinen seelischen oder auch körperlichen Problemen Hilfe bringen, als alle konventionellen Therapieversuche gescheitert waren. Whitton fand heraus, dass zwischen 4 und 10 %  aller Menschen (genauer: aller seiner Klienten?) die Fähigkeit besitzen, in Tieftrance zu gehen und somit in frühere Leben geführt zu werden. Einerseits sagen die beiden Autoren, dass es keinen objektiven Beweis dafür gebe, dass die Klienten, die auf diese Weise in frühere Leben geführt wurden und von ernsten Erkrankungen genesen sind, tatsächlich frühere Existenzen wiedererlebt haben. Doch ist Whitton persönlich davon überzeugt, dass dies tatsächlich so ist, obwohl, wie er sagt, sicher nicht jede scheinbare Erinnerung an ein früheres Leben auch historisch begründet ist.

Die Reise in das Zwischenreich.       Es ergab sich, dass Whitton seine Klienten nicht nur in frühere Leben, sondern auch in die Zeiten zwischen den irdischen Leben führte. Er stellte fest, dass unser Bewusstsein in der Erinnerung an den Bardo, an unseren Aufenthalt im Zwischenreich, höher, heller und klarer ist als in allen anderen Bewusstseinszuständen. So übertrifft es an Klarheit, Helligkeit und Einsicht den Wachzustand, den Traum, unsere Phantasien, unsere Erinnerungen an frühere Leben, auch ausserkörperliche Erfahrungen und Schauungen in der Meditation. Nur im Zwischenreich erkennen wir unsere karmische Einbindung. Das heisst, wir überblicken viele unserer vergangenen irdischen Leben, unseren Entwicklungsstand, unser Versagen bei gestellten Aufgaben in der Vergangenheit und die Prüfungen, die uns im folgenden (also dem jetzigen) Leben erwarten. Dieser ganz ausserordentliche, euphorische Zustand des Bewusstseins gestattet uns, den Sinn unserer Existenz zu erfahren, den Weg zu erkennen, den wir gehen und die Stelle, an der wir in unserem Entwicklungsprozess gerade stehen. Es besteht volles Gewahrsein und Verständnis dafür, wer wir wirklich sind, für den Grund unserer Existenz und für unseren Platz im Universum. Wir haben im Bardo die Gewissheit, dass alles einen Sinn hat und dass alles perfekt ist, so wie es ist. Die Klienten, die das Glück hatten, diese Erfahrung zu machen, sind zunächst völlig überwältigt und sprachlos, denn es ist dort alles so ganz anders als das, was sie bisher gekannt haben. Daher ist es kaum in Worte zu fassen.

Gewöhnlich erleben wir diesen Zustand des absoluten Gewahrseins nur zwischen den irdischen Leben. Jedoch haben einige wenige Menschen die Chance, unter Hypnose in der Rückschau in den Bardo einzutreten und sich dieses Zustandes zu erinnern. Es handelt sich tatsächlich um Erinnerungen, nicht etwa um eine aktuelle Erfahrung, die dem jetzigen Entwicklungsstand des Individuums entspricht! Daher ist das jetzige, heutige irdische Leben der Klienten in der Trance ein zukünftiges. Nichtsdestoweniger kann die Erinnerung in Trance sehr intensiv und reich an Emotionen sein und dem Klienten als absolut wahr, als authentisch erscheinen.

Die Autoren betonen, dass die Erlebnisse im Zwischenreich keine zeitliche und keine räumliche Struktur haben: Die jenseitige Welt ist zeitlos und raumlos. Da es dort keine Zeit gibt, gibt es dort auch keinen Fortschritt, keine Entwicklung. Wir können nur im Diesseits Erfahrungen sammeln, lernen und uns entwickeln. Das ist der Grund, warum wir immer wieder in die Materie hineingeboren werden.

Der Bewusstseinszustand im Zwischenreich ist ein paradoxer: Einerseits verschmelzen wir mit der Einheit, mit der Existenz an sich und verlieren so jeden Sinn für die eigene Identität, andererseits werden wir unserer selbst besser gewahr als je sonst. Um diese Selbsterkenntnis im Bardo zu erlangen, müssen wir dort allerdings denken, denn ohnedem ist unser Aufenthalt dort völlig unbewusst. Die Autoren zitieren in diesem Zusammenhang Descartes, der sagte: „Ich denke, also bin ich“, was nie so sicher zutreffe wie im Jenseits. (Demgegenüber trachten wir im hiesigen Leben in der Meditation, das Denken zu vermeiden!)

Kommen unter Hypnose Erinnerungen an frühere Tode auf, so sind die Erlebnisse in dessen Nähe genau dieselben, wie wir sie heute aus der Nahtodesforschung kennen, mit dem einzigen Unterschied, dass natürlich damals nicht ins irdische Leben zurückgekehrt werden musste.

Menschen mit einem geringen Interesse an ihrem Entwicklungsprozess „schlafen“ drüben genauso wie hier und nehmen sich auch drüben kaum selber wahr. Entsprechend stockend verläuft ihre Entwicklung; sie vergeben hier und auch dort ihre Chancen.

Das Jenseits erscheint uns so, wie wir es uns vorstellen, und das ist individuell sehr verschieden. Es ist ein Produkt unserer Gedanken und Erwartungen, wie auch Myers und das tibetische Totenbuch betonen. So können wir wundervolle Landschaften, Gärten, Paläste, Brunnen, Wiesen, Bäche, Städte wahrnehmen, aber auch abstrakte Formen und Farben, Gerüche, Musiken, bis hin zu völliger Leere, dem absoluten Nichts.

Viele Seelen, die ein Interesse an ihrem Werdegang haben, studieren im Bardo fleissig, sogar in Bibliotheken und Seminarräumen;  Ärzte und Rechtsanwälte z. B. studieren Medizin und Juristerei, andere die Gesetze des Universums und wieder andere Gegenstände, die in unserer Welt keine Entsprechung haben. (Nach dem weiter oben Gesagten muss allerdings angenommen werden, dass der eigentliche Lernfortschritt erst in der physischen Welt erfolgt.)

Lebensrückschau.       Ein streng religiöses Leben hier auf Erden garantiert noch keinen Platz im Himmel an der Seite Gottes. Die Autoren betonen immer wieder, wie lang und mühsam unser Entwicklungsprozess über sehr, sehr viele Leben hinweg ist. Sie sprechen von einer quälend langen Reise der Reinigung von Körper zu Körper. Ein vermeintlich gottgefälliges Leben ist keine Garantie für die Erlösung. Im Gegenteil wird auch jener, der glaubte, ein so gutes Leben geführt zu haben, im Bardo mit seinen Irrtümern und Fehlern, mit dem Leid, das er anderen zugefügt, unausweichlich konfrontiert.

Fast alle Klienten Whitton's berichten davon, vor ein Gericht gestellt worden zu sein, ein Tribunal. So nennen es die Autoren. Im einzelnen führen sie jedoch aus, dass der Zweck des Gerichtes darin besteht, den Entwicklungsstand der Seele einzuschätzen und die weitere Entwicklung zu planen. Also keine Verurteilung, keine Strafe! Die Mitglieder des Tribunals sind weise, alte, hochentwickelte spirituelle Wesen; manche mögen den Zyklus ihrer Wiedergeburten sogar schon beendet haben. Ihre Rolle besteht darin, die Seele bei der Auswertung des vergangenen Lebens zu unterstützen und Vorschläge für die Gestaltung des nächsten Lebens zu machen. Sie wissen intuitiv alles über die Seele, die vor ihnen steht, aber sie verurteilen sie nicht, sie strafen nicht, sondern senden eine heilende Energie aus, die alle Wunden schliesst und alle Schuld vergibt. Insofern scheint es mir zwanglos möglich, die Richter Whitton's und Fisher´s mit den Lehrern Newton's gleichzusetzen. Auch Fiore[1978] und Wambach[1979] sprechen von Ratgebern, nicht von Richtern.

Die Autoren schreiben: „Wenn es eine Hölle im Zwischenreich gibt, dann ist es der Moment, in dem die Seele sich selbst der Überprüfung stellt. Dann, wenn Reue, Schuldgefühle, Selbstbezichtigung wegen Verfehlungen in der vergangenen Inkarnation mit einer solchen tiefempfundenen Heftigkeit, mit qualvoll bitteren Tränen hervorbrechen, dass es den Beobachter erschüttert. Auf Erden können negative Handlungen rationalisiert und verdrängt werden; es gibt immer reichlich Ausreden. Im Zwischenleben brechen die Emotionen, die von diesen Handlungen hervorgerufen werden, nackt und unausweichlich hervor. Jedes seelische Leid, das anderen zugefügt wurde, wird in solcher Schärfe empfunden, als ob es selbst erlitten wurde. Aber das Allerschlimmste ist wahrscheinlich die Erkenntnis, dass die Zeit für Änderungen von Grundeinstellungen, für die Korrektur von Fehlern endgültig und unwiderruflich vorbei ist. Die Tür zum vergangenen Leben ist verschlossen und verriegelt, und den Konsequenzen von Taten und Ausflüchten muss in einer letzten Auseinandersetzung entgegengetreten werden. Es geht darum, genaue Rechenschaft abzulegen darüber, wer wir sind und wofür wir stehen. Die Meinungen anderer zählen nicht; gefragt ist unsere persönliche Integrität, unsere innere Moral.“

Die Selbsteinschätzung wird ermöglicht durch einen umfassenden Lebensrückblick im Zwischenreich, in dem wir uns an alle Details unseres vergangenen Lebens erinnern. Wir erfahren auch Dinge, die uns nie bewusst waren, z. B. wenn jemand anderes sich durch unsere Gedankenlosigkeit verletzt fühlte, ohne es zu zeigen, oder wenn wir in grosser Gefahr waren, ohne es zu wissen.  Kurz gesagt: Im Lebensrückblick im Bardo haben wir eine erweiterte Wahrnehmung, die uns früher unsichtbare Zusammenhänge erkennen lässt. Eine unendliche Fülle von Einzelheiten ist uns in einem zeitlosen Augenblick gegenwärtig. Hier wird wieder die Zeitlosigkeit des Lebenspanoramas betont, wie wir es im Kapitel über Nahtodes-Erlebnisse bereits kennengelernt haben.

Der Lebensrückblick im Bardo, der unter Hypnose von den Klienten erinnert wird, ist begrifflich zu unterscheiden von einer (therapeutischen) Rückführung in ein früheres Leben. Mit solchen Rückführungen hatte Whitton ja begonnen, ehe er die Reisen seiner Klienten in das Zwischenreich hinein ausdehnte. Auch bezüglich der Rückführungen in frühere Leben machte Whitton die Erfahrung, dass seine Klienten, wenn er sie dazu anwies, eine Wahrnehmung hatten, die weiter und tiefer war, als sie seinerzeit auf Erden jemals gewesen ist. So hatten die Klienten in Trance auch durchaus Zugang zu ihrem damaligen Unterbewussten, was im gewöhnlichen Leben nicht der Fall ist.

Planung des nächsten Lebens.      Das kommende Leben auf Erden wird von einer Seele im Zwischenzustand mit Unterstützung der dortigen Ratgeber auf das sorgfältigste geplant. Hierzu gehört die Auswahl des Geburtsortes, der Eltern, der allgemeinen Lebensumstände, und auch der Freunde und Feinde, mit denen man schon in früheren Leben zusammen war. Letzteres geschieht, um nicht-abgeschlossene Lernprozesse weiterzuführen. Alle Planung und Wahl dient dem einzigen Zweck des weiteren Lernfortschritts, der persönlichen Weiterentwicklung. Erst beim nächsten Aufenthalt im Bardo werden wir erkennen, ob wir unsere Aufgaben gelöst haben.

Die Ratgeber sind bei Whitton und Fisher die „Richter“, deren Rat die Seele befolgen kann oder auch nicht. Der Rat der „Richter“ berücksichtigt das, was wir brauchen, nicht das, was wir wollen. Man berät sich aber auch mit den anderen Seelen, mit denen man in vielen Erdenleben verbunden war.

Je weiter eine Seele fortgeschritten ist, desto schwieriger werden die gestellten Aufgaben. Wir entwickeln uns von einem infantilen, egozentrischen Charakter in vielen Schritten hin zu einer gereiften Persönlichkeit. Erworben werden Talente, Fähigkeiten und Willenskraft. Der Preis der Weiterentwicklung sind Herausforderung und Mühsal. Aus diesem Grunde beteiligen sich manche Seelen an dieser Planung nur widerwillig, denn sie erleben ja, wie schön es im Bardo ist, und sie wissen auch, welche Plackerei sie auf Erden erwartet. Aber nur durch die Praxis kann Meisterschaft erworben werden.

Wer eine grosse Herausforderung nicht bestanden hat, wird solange mit ihr konfrontiert, bis er sie gemeistert hat. Selbstmörder werden im Zwischenleben oft von grosser Furcht befallen und müssen im nächsten Leben mit den Dingen fertig werden, die sie zuvor nicht bewältigt haben.

Materialisten interessieren sich wenig für das Programm ihres nächsten Lebens und ergreifen die erstbeste Gelegenheit, um wiedergeboren zu werden. Solche, die gar keine Ambitionen haben, fallen vor den „Richtern“ in Schlaf und wachen erst auf, wenn sie ein starker Druck zwingt, wiedergeboren zu werden. Das Schlimmste, was einem auf Erden passieren kann, ist, keinen Plan gemacht zu haben. Dies wird von den betroffenen Klienten in Trance mit grosser Furcht berichtet. Wenn man sich gegen den Rat der Ratgeber entscheidet und keinen Lebensplan macht, – und in dieser Entscheidung sind wir frei, – dann wird dies zwar nicht bestraft, aber das folgende Leben wird schmerzlich, reuevoll, chaotisch und vermutlich vergeudet sein.

Wiedergeburt.      Vor dem Wiedereintritt in die Erdensphäre passiert die Seele eine ätherische Schranke, die dazu dient, die hohen Schwingungen des Bewusstseins zu dämpfen. Die Erinnerungen an die Zeit im Bardo verschwinden. Diese Amnesie bezüglich des dort Erlebten ist sehr wichtig: Sie schützt uns vor einem endlosen Uns-Verzehren und Heimweh nach dem schönen Lande, und sie schützt uns vor der Verwirrung wegen der früher begangenen Taten und Missetaten. Ebenso wichtig ist es aber, die gestellten Aufgaben, den Lebensplan nicht zu kennen. Im irdischen Leben kennen wir gewöhnlich nicht die grossen karmischen Zusammenhänge, in denen wir stehen. In alten Schriften überschreiten wir beim Wiedereintritt in die Erdensphäre den Fluss des Vergessens, oder es küsst uns der Engel des Vergessens, oder wir trinken den Trank oder essen die Frucht des Vergessens. Alles Zeichen dafür, dass die Amnesie schon vor langer Zeit bekannt war und für unser gesamtes Dasein eine zentrale Rolle spielt.

Wann tritt die Seele in den neuen Körper ein? Geschieht dies mit einem Male oder nach und nach?  Whitton und Fisher schreiben, dass diese Fragen schwer zu beantworten sind wegen widersprüchlicher Evidenzen. Nach Angaben in verschiedener Literatur liegt der Moment, zu dem sich die Seele des neuen Körpers erstmals bewusst wird, zwischen einigen Monaten vor der Geburt bis unmittelbar danach. Whitton und Fisher geben zu bedenken, dass es zwei Arten von Gedächtnis gibt: Einmal das biologische, an das Gehirn gebundene Gedächtnis, welches schon in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten beginnt zu arbeiten; zum anderen das spirituelle oder Seelen-Gedächtnis, welches alle Inkarnationen überdauert. Es sei schwer zu sagen, ob die Klienten unter Hypnose hinsichtlich der Vorgänge bei der Neugeburt das biologische oder das spirituelle Gedächtnis abrufen.

Vor dem Eintritt in den neuen Körper schwebt die Seele der Klienten Whitton's oft deutlich über der Mutter oder um die Mutter herum. Es kommt in diesem Stadium vor, dass die ankommende Seele die Mutter ermuntert, bestimmte Arten von Musik oder von Nahrung zu bevorzugen oder aber das Rauchen oder das Trinken zu lassen, in jedem Falle Dinge, die für sie beide, Mutter und Kind, und für ihr Miteinander von Vorteil sind.

Nach dem Aufwachen aus der Hypnose.      Wenn die Klienten aus der Hypnose in den alltäglichen Bewusstseinszustand zurückkehren, sind sie oft desorientiert, schockiert und entsetzt. Sie waren in der wirklichen Welt, wo die eigene Seele und der Sinn des Lebens so durchsichtig waren wie Glas.  „Sie haben mich in eine unwirkliche Welt hinein aufgeweckt!“   klagte einer. Jedoch wissen die Klienten, dass sie nach der Zeit der Bindung an den physischen Körper in das Zwischenreich zurückkehren werden, und sie haben alle Angst vor dem Tode verloren.

Was haben die Klienten noch nach dem Aufwachen von ihren Erlebnissen im Bardo behalten? Sie können nicht mehr klar sagen, was sie dort erfahren haben. Sie wissen, dass es dort wundervoll war und dass alles einen Sinn hat. Aber die Erlebnisse unter Hypnose waren deutlicher, lebendiger, genauer und eindrucksvoller, als es die spätere Erinnerung daran ist. Ein Grund dafür ist sicherlich die Schwierigkeit, das Erlebte in Worte zu fassen, da unser Wort-  und Erfahrungs-Schatz nicht der anderen Welt angemessen sind. Andererseits fand ja die Kommunikation mit dem Therapeuten in der Sitzung auch zum grossen Teil verbal statt, neben der emotionalen Komponente der Erlebnisse. Sicher spielt bei der mangelhaften Wiedergabe des Erlebten nach dem Aufwachen auch Vergessen eine Rolle, vor allem bezüglich der Frage nach dem Sinn des Lebens und dem Sinn der Existenz an sich. Starke Emotionen, die unter Hypnose auftraten, werden offenbar verdrängt, und bezüglich der Einsichten in zukünftige Ereignisse, die in tiefer Trance vorhanden waren, besteht eine regelrechte Amnesie. Verschiedentlich ist es vorgekommen, dass Klienten, die in der Hypnose zukünftige Ereignisse vorhersahen, den Therapeuten baten, diese aus ihrem Gedächtnis zu löschen, da sie fürchteten, in ihrem Karma herumzupfuschen. Jedoch brachten einige wenige Klienten deutliche Kenntnisse über zukünftige Ereignisse mit hierher ins Wachbewusstsein. Wo diese Ereignisse zeitlich nahe genug lagen, um überprüft zu werden, haben sie sich bestätigt, sagen Whitton und Fisher. – – –

Reflexion.                    Wir können bei Rückführungen in den Bardo drei Bewusstseins-Zustände unterscheiden: 

1.     Das Bewusstsein im Original-Erlebnis zwischen den irdischen Gastspielen.

2.     Die Erinnerung an das Original-Erlebnis in Hypnose, welche an Klarheit und emotionaler Intensität ausserordentlich beeindruckend sein kann.

3.     Nach dem Wiederaufwachen: Die Erinnerung an die Erinnerung, d. h. an das in Hypnose Erlebte. Diese Rückerinnerung im Wachzustand danach ist gewöhnlich schwächer als das Wiedererleben in Hypnose selbst.

Bei Rückführungen kann der Therapeut vergleichen zwischen dem, was den Klienten in Trance widerfuhr und dem, was sie später im normalen Wachzustand davon im Gedächtnis behalten haben. Was seinerzeit im Bardo wirklich geschah, können wir nicht wissen. Leider machen weder Whitton & Fisher noch Newton genaue Angaben darüber, wie sie die Hypnose einleiteten, wie tief diese war, wie die späteren Erinnerungen der Klienten an das in Trance erlebte zustandekamen: spontan oder durch posthypnotische Befehle, usw. Aus vereinzelten Äusserungen der Autoren ist zu schliessen, dass echte Tiefenhypnose angewendet wurde. Klar ist eines: Therapeut und Klient standen während der Rückführung im steten Wechselgespräch miteinander.

Auffällig ist, dass die Klienten immer wieder berichten, am universalen Wissen Anteil gehabt zu haben, den Sinn der Existenz, des Lebens an sich und auch ihres eigenen Lebens gekannt zu haben. Ebenso geht es ja vielen Nahtod-Erfahrenen. Soweit mir bekannt, wird aber dieses Wissen nicht hierher transportiert, d. h., wir als Leser der Berichte oder auch die Therapeuten selbst erfahren nichts darüber, und auch die Reisenden selbst können sich später im Wachzustand nicht an die Antworten auf die Sinnfrage erinnern. Sie wissen nur noch, dass sie alles wussten. Wussten sie es wirklich, oder hatten sie nur das Gefühl, alles zu Wissen? Uns Beobachtern bleibt nur die nüchterne Erkenntnis, dass wir die Antworten auf unsere tiefsten Fragen immer noch nicht kennen.

Der karmische Weg.        Whitton und Fisher geben eine Stufenleiter unserer Entwicklung über die Inkarnationen hinweg an, die ich wie folgt etwas abgewandelt wiedergebe:

1. Stufe:    Materialismus.  Wichtig sind körperliches Wohlbefinden, sinnliches Verlangen. Wenig Sensibilität für die Gefühle anderer und keinerlei philosophische Ambitionen. Keine Kenntnis über ein Weiterleben der Seele nach dem Tode oder höherer Mächte.

2. Stufe:    Aberglaube.  Wir haben eine Ahnung, dass es Wesen und Kräfte gibt, die stärker sind als wir selbst, über die wir aber nichts Näheres wissen. Die unbekannten Wesenheiten können durch Rituale oder Amulette beeinflusst werden.

3. Stufe:    Fundamentalismus.   Ein einfacher, aber strenger Glaube an Gott. Gebete, Rituale und vorgeschriebene Verhaltensweisen garantieren vermeintlich einen Platz im Himmel.

4. Stufe:    Philosophie.   Erste Erkenntnis der Selbstverantwortlichkeit. Trotz religiöser Überzeugungen besteht die Einsicht, dass Dogmen nicht genügen. Respekt vor dem Leben, Toleranz, tieferes Verständnis der Lehren der Religionen.

5. Stufe:    Suche.   Innere Spannung und Qual aus dem starken Wunsch heraus, den Sinn des Lebens zu verstehen. Bewusstsein, dass die Existenz eine tiefe Bedeutung hat, aber grosse Unsicherheit, wie genauere Kenntnis darüber zu erlangen ist. Oftmals intensive Lektüre und Studien oder auch Mitgliedschaft in mystischen und metaphysischen Zirkeln.

6. Stufe:    Entfaltung.   Jetzt kann die Evolution recht beginnen, im Osten durch Meditation, im Westen durch Mystizismus oder Metaphysik. Solange noch der Wunsch bleibt, jemand zu sein, Sachen zu machen und zu besitzen, solange werden die karmischen Verknüpfungen weiter wirken.

Höhere Stufen:  Über die spätere Entwicklung in sehr hohe Bewusstseins-Stufen hinein können die Autoren naturgemäss nichts weiter sagen, da ihre Klienten diese noch nicht erreicht haben.

Es ist auffallend, dass Whitton und Fisher, wie übrigens auch Newton, nur über menschliche Inkarnationen sprechen und nicht mitteilen, woher die Seelen ursprünglich kommen und in welcher Form sie vor ihren Inkarnationen als Mensch materialisiert waren. Myers weiss hierüber entschieden mehr. Auch berichten die Autoren nichts über Kollektiv-Schicksale ganzer Völker oder gar der ganzen Menschheit, obwohl hierüber in alten Schriften und bei Astrologen viel bekannt ist. Man denke an die Sternen-Zeitalter des Himmels und an die Yugas der Inder; unser Eintritt ins Wassermannzeitalter ist ja geradezu sprichwörtlich geworden.

Resümee.      Naturgemäss berichten die Hypnose-Patienten nur aus Myers’ vierter Ebene. So unterschiedlich die Erlebnisse der Klienten dort im Einzelnen auch sein mögen, so wird auch bei Whitton und Fisher wieder diese Essenz überdeutlich: Wir selbst sind die Autoren des Theaterstücks, in dem wir die Hauptrolle spielen. Unsere Entscheidungen treffen wir im Zwischenreich bei der Planung des kommenden Lebens bewusst und in Kenntnis unseres Weges und der Wegmarke, an der wir gerade stehen, und wir treffen unsere Entscheidungen während des vorher im Bardo skizzierten Lebensdramas hier auf Erden in Unkenntnis des Drehbuches und in Unkenntnis der grösseren karmischen Zusammenhänge. Unsere Handlungen im vergangenen irdischen Leben offenbaren uns im Bardo unseren Entwicklungsstand und geben die Motive ab für die Aufgaben, die wir uns selbst, mit Hilfe unserer Lehrer, für das nächste Mal stellen. – – Auffällig ist, dass Whitton und Fisher von Richtern sprechen, von einem Gericht oder Tribunal, vor das wir gestellt werden, obwohl ja offenbar nicht verurteilt und nicht bestraft wird. Die Bezeichnungen „Lehrer“ oder „Ratgeber“ scheinen mir unbedingt passender zu sein, obwohl in den verschiedensten Kulturen an strenge Richter und an Lohn und Strafe geglaubt wurde. Aber gerade hierin liegt doch ein wesentlicher Erkenntnisfortschritt, dass wir heute die Doktrin von Schuld und Sühne, die Angst vor Hölle und Verdammnis fahren lassen können.

                              Glaubwürdigkeit bei Newton sowie bei Whitton und Fisher.     

Es ergibt sich eine klare und eindrucksvolle Vorstellung vom Leben zwischen den Leben, welche sich mit den übrigen Materialien auf dieser Website, auch mit Myers’ Mitteilungen, gut vereinbaren lässt und somit ein Baustein sein mag für ein Gesamtbild der geistigen Welt. Diejenigen Klienten, die sich in Hypnose an ihre Nahtod-Erfahrungen am Ende des vorigen Lebens erinnerten, berichten darüber genau dasselbe, was wir ansonsten aus den heute geläufigen zahlreichen Berichten sozusagen gewöhnlicher Nahtod-Erfahrungen kennen. So stützen sich diese Beobachtungen gegenseitig. Whitton und Fisher sind etwas weniger systematisch als Newton, doch stimmen ihre Ergebnisse mit jenem in allen wesentlichen Punkten überein. Die Klienten selbst sind sich der Echtheit ihrer Erlebnisse absolut gewiss.

Die Glaubwürdigkeit von Informationen, die unter Hypnose zu Tage gefördert werden, ist seit den 90er Jahren auf das tiefste erschüttert. Vornehmlich in den USA gab es einen ungeheuren Skandal bezüglich angeblich multipler Persönlichkeiten bei jungen Frauen, die angeblich in ihrer frühen Kindheit missbraucht wurden. Zunächst schien es so, dass tatsächlich viele junge Frauen unter multipler Persönlichkeit litten, als deren Ursache von ihren Therapeuten ein früher Missbrauch diagnostiziert wurde. Angesehene Fachzeitschriften und die allgemeinen Medien berichteten darüber. Nachdem die Zahl der Betroffenen immer mehr zunahm (auch in Deutschland kamen schliesslich solche Fälle vor), wurde das Ganze als Kunstprodukt erkannt: Die multiplen Persönlichkeiten und als deren Ursache der frühe Missbrauch wurde den Klientinnen von ihren Therapeuten unter Hypnose (unbewusst?) einsuggeriert. Es ging den Klientinnen unter der Therapie sehr schlecht. Sie glaubten schliesslich auch im Wachzustand an die Ereignisse, die gar nicht stattgefunden hatten, und visualisierten diese sogar. Etliche der jungen Frauen versuchten, sich umzubringen; Väter wurden unter Anklage gestellt. Nachdem die Unhaltbarkeit der Behauptungen erkannt wurde, gab es Gerichtsprozesse. Die Therapeuten verloren ihre Lizenzen und es wurde an die Klientinnen Schadensersatz in Höhe von vielen Millionen US-Dollar gezahlt. Die höchste Summe waren 10 Millionen Dollar in einem Einzelfall. Siehe hierzu die Untersuchung von Michael Schetsche, aufgeführt im Literaturverzeichnis. Die ARD strahlte am Mittwoch, dem 27. Aug. 2003 um 23.30 Uhr über dieses Thema eine sehr gute Dokumentation aus mit dem Titel „Multiple Persönlichkeiten – Wahn der Therapeuten?“.

Die False Memory Syndrome Foundation  http://www.fmsfonline.org  beschäftigt sich speziell mit dem Problem falscher (induzierter) Erinnerungen.  Siehe dort insbesondere „Recovered Memories: Are They Reliable?“ unter  http://www.fmsfonline.org/reliable.html  und  „Key Concepts in Hypnosis”  unter  http://www.fmsfonline.org/hypnosis.html  mit vielen Unterseiten. Auf jener Site finden sich auch Stellungnahmen renommierter Fach­gesellschaften, von denen ich hier zwei mit Erlaubnis der Herausgeberin wörtlich wiedergebe:

"The Council finds that recollections obtained during hypnosis can involve confabulations and pseudo memories and not only fail to be more accurate, but actually appear to be less reliable than nonhypnotic recall."

(American Medical Association, Council on Scientific Affairs, Scientific Status of Refreshing Recollections by the Use of Hypnosis, 1985)

"Psychiatrists are advised to avoid engaging in any 'memory recovery techniques' which are based upon the expectation of past sexual abuse of which the patient has no memory. Such 'memory recovery techniques' may include drug-mediated interviews, hypnosis, regression therapies, guided imagery, 'body memories', literal dream interpretation, and journaling. There is no evidence that the use of consciousness-altering techniques, such as drug-mediated interviews or hypnosis, can reveal or accurately elaborate factual information about any past experiences including childhood sexual abuse. Techniques on regression therapy including 'age regression' and hypnotic regression are of unproved effectiveness."

(Royal College of Psychiatrists, Reported Recovered Memories of Child Sexual Abuse, 1997. (UK))

Nach diesen Erkenntnissen ist auch den Ergebnissen von Newton sowie von Whitton und Fisher gegenüber Skepsis angesagt. Denn auch deren Ergebnisse sind alle und ausschliesslich unter Hypnose gewonnen worden, und es gibt keine unabhängigen Bestätigungen. Ich habe diese Autoren trotzdem hier besprochen, weil mir deren Texte Eindruck gemacht haben und weil wir bis heute keine besseren, sicheren Kenntnisse über unseren Aufenthalt im Jenseits haben. Auch ergibt sich, zusammen mit Myers, ein umfassendes, in sich stimmiges Bild der anderen Welt, welches jedoch falsch sein mag. Es wäre schön, wenn wir einen Weg fänden, um diese so reichhaltigen Schilderungen zu bestätigen oder durch bessere zu ersetzen.

Die hier vorgebrachte Skepsis bezieht sich auf die Frage, ob die unter Hypnose auftretenden Erlebnisse Erinnerungen an tatsächliche Ereignisse in der Vergangenheit sind. Das hat nichts mit der Frage zu tun, ob die Sitzungen für die Klienten therapeutisch erfolgreich sind. Bei den erwähnten vermeintlichen Aufdeckungen multipler Persönlichkeiten und früher Missbräuche war dies eindeutig nicht der Fall. Im Gegenteil ging es den Klientinnen dort mit der Zeit immer schlechter, so dass sie schliesslich in Protest traten.

Alle Autoren zum Thema Regressionstherapie schildern in Ihren Büchern immer nur Fälle, die therapeutisch erfolgreich waren. So auch Newton und auch Whitton & Fisher. Das kann aber nicht sein. Sie haben sicher auch viele Fälle ohne therapeutischen Erfolg und sicher auch Fälle mit schädlichem Resultat, in denen es den Klienten nach der Therapie schlechter geht als vorher, wie z. B. bei den angeblich multiplen jungen Frauen. Insofern sind alle diese Bücher unaufrichtig und geben uns ein falsches Bild. Dies wird auch nicht dadurch entschuldigt, dass es in anderen medizinischen Bereichen ebenso zugeht: Die Propagatoren einer Therapieform schildern immer nur ihre besten Ergebnisse. Nehmen Sie als Beispiele Ernährungsformen und Diäten, Körpertherapien, spezielle Arzneimittel, Bewegungstherapien usw.

Durch diese Unaufrichtigkeit werden Möchtegern-Therapeuten animiert, es auch einmal zu versuchen, ohne auf die Gefahren hingewiesen zu sein. (Es ist allerdings zu vermerken, dass sowohl Whitton als auch Newton klassisch-universitär ausgebildete, zertifizierte, erfahrene und angesehene Hypnose-Therapeuten sind.)

Ein anderer Kritikpunkt an Newton und auch Whitton & Fisher ist der, dass sie nicht ihre Arbeits-Methode beschreiben, d. h. in diesem Falle die Art der Hypnose, deren Induktion und Tiefe, Ansprechbarkeit und Manipulierbarkeit der Klienten, Möglichkeiten und Erfolge posthypnotischer Befehle, Art des Wiederaufweckens der Klienten, Erinnerlichkeit der Erlebnisse usw.  Nur durch genaue Beobachtung einzelner verstreuter Bemerkungen konnte ich herausfinden, dass die Autoren vermutlich klassische Tiefenhypnose angewandt haben. Durch Milton Ericson ist der Begriff „Hypnose“ völlig aufgeweicht worden, so dass wir unbedingt eine Spezifikation brauchen, wenn davon die Rede ist.

Leider kommen solche Nachlässigkeiten in der halb wissenschaftlichen / halb populären Literatur vor. Dass die Bücher auf den Randgebieten der Wissenschaften in einer Art geschrieben sind, die auch für den gebildeten Laien verständlich ist, finde ich sehr wichtig. Nur so finden sie die Verbreitung, die sie brauchen. Doch gerade deshalb, weil es sich um Randgebiete handelt, weil diese Dinge vom Establishment nicht akzeptiert werden, ist grosse Sorgfalt, Genauigkeit und Ehrlichkeit bis hin zur Selbstkritik geboten. Die von den etablierten Wissenschaften nicht akzeptierten Themen müssen auf seriöse Art unbedingt der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden, um eine restlose Erstarrung des herrschenden Systems zu verhindern und neue Ideen zu fördern. Glücklicherweise hat das Publikum ein besseres Gespür für das, was wichtig ist, als die Professorenschaft.

                  Sieben verschiedene Auffassungen von Karma.

Ganz unterschiedliche Vorstellungen vom Wesen des Menschen und vom Aufbau des Universums stehen in heutiger Zeit miteinander in Konkurrenz und führen eine seltsame Form von Koexistenz. Ganz grob gesprochen stehen sich Materialismus und Spiritualismus gegenüber, wobei letzterer von der Existenz geistiger Dimensionen und geistiger Wesenheiten ausgeht. Alle Religionen sind in diesem Sinne spiritualistisch und nicht materialistisch.

Was nun das Schicksal des einzelnen Menschen anbetrifft, so gibt es hierüber in den Religionen der Welt die verschiedensten Ansichten und Lehren, die sich in unterschiedlichen Vorstellungen von Karma niederschlagen. Angeregt durch die zuvor besprochene Lektüre versuche ich hier, sieben verschiedene mögliche Interpretationen des Karmabegriffs herauszuarbeiten.

Karma Nr. 0  = gar kein Karma. Dieses trifft die heute in der westlichen Welt vorherrschende materialistische Weltsicht (im philosophisch-weltanschaulichen Sinne), in der es kein Woher und Wohin, kein Davor und Danach gibt. Wir waren nicht, und wir werden nicht sein. Insofern gibt es auch nichts zu erwarten und nichts zu befürchten. Die Art der Lebensführung ist beliebig und ohne Folgen; einen Lebenssinn gibt es nicht. Dies ist die perfekte Philosophie für die Spassgesellschaft, aber auch für Tyrannen und für Schlafmützen.

Karma Nr. 1.    Es gibt zwar keine Wiedergeburt auf Erden, aber die Seele überlebt den physischen Tod und wird dereinst Rechenschaft ablegen müssen vor dem jüngsten Gericht. Sünde, Schuld und Strafe. Es sind dies die Grundthesen der drei grossen monotheistischen Religionen, wobei die Vorstellungen vom Jenseits, von Himmel und Hölle sehr vage, und dort, wo etwas konkreter, eher folkloristisch sind. Insbesondere bleibt völlig unklar, was in der Zeit zwischen dem leiblichen Tode und dem jüngsten Gericht passiert. Die Erlebnisse nahe des Todes werden nicht beschrieben, und auch die Frage, woher die Seelen der Neugeborenen kommen, wann und wie sie in den Embryo oder den Fötus eintreten, bleibt unbeantwortet.

Karma Nr. 2.    Diese und die vier nächsten Varianten gehen von der Vorstellung der Wiedergeburt auf Erden aus. Wenn wir lediglich die Forschungen von Stevenson und seiner Kollegen heranziehen, so gibt es dort nur seltene und spärliche Informationen über die Zeit zwischen den Leben. Gelegentlich finden wir die Begrüssung in der Anderwelt durch einen Mann in Weiss (speziell bei Kindern in Thailand), oder die Vorankündigung der Wiedergeburt durch einen Yogi.

Stevenson arbeitete ja nicht mit Hypnose, er ruft nicht die Erinnerungen der Kinder absichtlich hervor, sondern er verwendete nur deren Spontanerinnerungen. Die sehr seltenen Berichte über kleine Erlebnisse im Jenseits könnte man als Kuriositäten abtun.

Bei den Jains in Indien und bei den Drusen im vorderen Orient ist gar keine Zeit, um Erlebnisse im Bardo zu haben, da sie an die sofortige Wiedergeburt glauben. Dort und auch bei Stevenson kann das nächste Leben ohne Mühe einfach als Fortsetzung des vorigen begriffen werden, ohne Einwirkung einer höheren Instanz, die lohnt und straft, auch lehrt und mit uns das nächste Leben zu unserem Lernfortschritt plant. Vorlieben und Abneigungen, Ängste und Phobien werden einfach ins nächste Leben mit hinübergenommen. Auch Talente, Kenntnisse und Fähigkeiten können vererbt werden, ja sogar körperliche Merkmale und auch körperliche Verletzungen, vor allem bei einem gewaltsamen Tod. Zwischen den Leben passiert nichts oder nichts Wesentliches, was für den Lauf der Dinge von Bedeutung wäre. Man könnte dies die Kontinuitätshypothese nennen: Wir fahren einfach da fort, wo wir im vergangenen Leben aufgehört haben. Eine Entwicklung der Seele von einem niederen zu einem höheren Zustand im Verlaufe vieler Leben ist in diesem Konzept nicht enthalten (aber auch nicht gänzlich auszuschliessen).

Karma Nr. 3.    Wiederum Wiedergeburt vorausgesetzt, herrscht das vielzitierte Gesetz von Ursache und Wirkung nach dem Prinzip: „Was du in diesem Leben anderen angetan, das wirst du im nächsten Leben an dir selbst erfahren.“  Lohn und Strafe, ausgleichende Gerechtigkeit. Dieses Prinzip findet man ausgeprägt bei den alten Ägyptern und im alten und im neuen Testament. Das Konzept von Lohn und Strafe ist auch dann vorstellbar, wenn man nicht von einem grossen Lern- und Entwicklungs-Prozess über die vielen Leben hinweg ausgeht. Die Drohung mit dem Gericht macht Angst, kommt aber unserem Wunsch nach gerechter Strafe – natürlich nur für die anderen – entgegen.

Karma Nr. 4.    Bei den Hindus und bei den Buddhisten ist der Gedanke vorrangig, dass schlechte Taten in dem einen Leben durch schlechte Lebensumstände im nächsten Leben, umgekehrt gute Taten durch gute Lebensumstände vergolten werden. Da insgesamt aber Leben Leiden bedeutet, ist das vorrangige Ziel aller Bemühungen die Befreiung vom Zwang zur Wiedergeburt, die Erlösung durch den Eintritt ins Nirwana, in das grosse Nichts. Dies wird erreicht durch die Erkenntnis, dass alles was ist, einschliesslich meiner selbst, Illusion ist.

Karma Nr. 5.    Es wird nicht belohnt und bestraft, aber unsere falschen Taten verlangen nach einem kosmischen Ausgleich, nach Wiedergutmachung. So kann es sein, dass ein Mörder nicht selbst umgebracht wird, sondern dass er sich als Krankenpfleger ein Leben lang um Verletzte und Sterbende sorgt. Vielfach kann die karmische Korrektur nur dadurch erreicht werden, dass wir dem Menschen, mit dem wir in Streit lebten, in einem neuen Leben wiederbegegnen, um letztlich die Harmonie, die aus dem Gleichgewicht geraten ist, wieder herzustellen.

Karma Nr. 6.    In Europa begannen die mittelalterlichen Mystiker, Karma als einen Lernprozess zu begreifen. Es gibt nicht Sünde, weder Lohn noch Strafe, sondern nur Aufarbeitung der vergangenen Handlungsweisen nebst Auswahl geeigneter neuer Übungen, um am eigenen Entwicklungsprozess zu arbeiten. Diese Übungen leiten sich oft her aus den getanen Taten, welche wiederum offenbarten, welche Lernschritte noch anstehen. Die Übungen können aber auch unabhängig von der Vergangenheit und einfach nur auf demnächst zu erwartende Herausforderungen hin ausgerichtet sein. Die Aufgaben für das nächste Leben werden vom Individuum selbst gewählt, allerdings mit Rat und Hilfe der spirituellen Lehrer. Nicht gelöste Aufgaben müssen wiederholt werden. Die Seele ist in ihrer Entscheidung frei, welche Aufgaben sie unter welchen Lebensumständen auf sich nehmen will, jedoch kann der Druck von seiten der Lehrer schon recht stark sein – zu unserem Wohle. Es gilt: Wir selbst sind verantwortlich dafür, wer wir sind und unter welchen Bedingungen wir leben. Wir selbst treffen die Wahl; alles dient unserer Entwicklung. Daher gibt es nicht Gut oder Böse, nicht Richtig oder Falsch, sondern es gibt nur Aufgaben, die wir in jetzigen Leben lösen oder noch nicht lösen, Herausforderungen, die wir in dieser Lehrstunde der kosmischen Schule meistern oder in einer späteren. – – –

Nach meiner Beobachtung ist oft nicht klar, was gemeint ist, wenn in unserer Zeit von Karma gesprochen wird. Die meisten machen sich nur sehr ungenaue Vorstellungen davon, vage nach einem der genannten Schemata. Anhand der Materialien dieser Website kann diskutiert werden, welche Erkenntnisse welcher Autoren welche Auffassung von Karma unterstützen. Die Untersuchungen Stevenson’s, die die höchste Überzeugungskraft von allen haben, weisen nur auf die bescheidene Form von Karma Nr. 2 hin, wobei aber die Wirksamkeit höhere Formen nicht ausgeschlossen werden kann. Die Erkenntnisse von Newton und von Whitton und Fisher suggerieren Karma Nr. 6; deren Erkenntnisse sind aber aus den oben genannten Gründen bei strengem Massstab nicht als zuverlässig einzustufen.

                  Das Tibetische Totenbuch

Das Tibetische Totenbuch heißt Bardo-thödol, was soviel bedeutet wie:  „Die grosse Befreiung durch Hören im Zwischenzustand“.  Will sagen: Der Sterbende oder Verstorbene kann die Befreiung vom Zwang zur Wiedergeburt erreichen, wenn er den Anweisungen des Buches folgt, das ihm vom Lama vorgelesen wird. Es ist die wohl bekannteste Schrift über das Zwischenreich, denn es schildert die Stationen, die wir dort durchlaufen, in vielen Einzelheiten. Das Buch wird Padmasambhava zugeschrieben, dem großen Heiligen der Tibeter, der den Buddhismus im achten Jahrhundert n. Chr. von Indien nach Tibet brachte. Zur Lektüre empfehle ich die direkte Übersetzung aus dem Tibetischen ins Deutsche von Eva und Geshe L. Dargyay, versehen mit ausführlichen Kommentaren.

Wenn wir die bisher genannten Forschungen zur Reinkarnation uns anschauen, dann ergeben sich aus diesen noch keine Hinweise darauf, was wir tun können, um unsere spirituelle Entwicklung zu fördern. Der Buddhismus im allgemeinen und der Bardo-thödol im besonderen enthalten jedoch zahlreiche Anweisungen und Möglichkeiten für folgende Gelegenheiten:

1.     Meditationsübungen während des Lebens,

2.     Verhaltensregeln für die Zeit des Sterbens und für die Zeit im Zwischenreich,

3.     Hilfen, die wir als Sterbende und Verstorbene bekommen können beim Gang durch den Bardo.

Beim tibetischen Totenbuch handelt es sich um ein Vorlesebuch für den Sterbenden oder Verstorbenen, um ihn auf seinem Wege in und durch den Tod und durch das Zwischenreich hindurch zu unterstützen und zu leiten. Im Idealfalle kann der Sterbende im Moment seines Todes, sonst aber auch später bei seinem Gang durch das Zwischenreich, vom Rad der Wiedergeburt erlöst werden. Das ist das große Ziel der Buddhisten, da sie nach Buddhas Lehre das Leben als Leiden betrachten. Die Erlösung besteht darin, von aller Illusion befreit zu werden, nicht mehr wiedergeboren werden zu müssen und in die große Leere, die zugleich die vollendete Buddhaschaft ist, einzugehen.

Eine wichtige Voraussetzung für die grosse Befreiung ist die Meditationspraxis des Sterbenden während seines irdischen Lebens. Auf dieser Basis wird er dann, inspiriert durch den vorgelesenen Text, in jeder Phase des Weges durch den Bardo versuchen, alle Verblendung und alle Anhaftung aufzugeben. Gelingt es ihm trotz aller Anstrengungen während der verschiedenen Stadien des Bardo nicht, die große Befreiung zu erreichen, so wird im letzten Teil des Textes zumindest versucht, eine gute Wiedergeburt zu bewirken. –  Der Aufenthalt im Bardo währt 49 Tage bis zur Wiedergeburt oder auch weniger; der Bardo-thödol hält Lesestoff für alle 49 Tage bereit und wird womöglich mehrfach, am besten jeden Tag einmal, vollständig vorgelesen, da man nicht sicher wissen kann, wo der Tote auf seinem schwierigen Wege gerade ist. Wird in einem Stadium des Weges die große Befreiung erreicht, – der Lama wird dies wahrnehmen, –  so wird ein weiteres Vorlesen überflüssig.

Das Vorlesen sollte durch einen fortgeschrittenen Meister erfolgen, nur aushilfsweise durch eine weniger fortgeschrittene Person. Aber nur ein Meister darf für den Sterbenden die Phowa-Praxis ausüben, um sie nicht falsch, insbesondere nicht zum falschen Zeitpunkt, anzuwenden. Die Phowa-Praxis, zu deutsch „Übertragung des Bewusstseins“, kann ansonsten im Leben von jedermann für sich selbst mit großem Gewinn geübt werden. Früher war die Phowa-Praxis geheim und den Eingeweihten vorbehalten; heute ist sie jedoch von hohen Lamas ganz bewusst allgemein bekanntgemacht worden. Näheres zur Phowa-Praxis findet man bei Sogyal Rinpoche [1994] und bei Dargyay und Dargyay [1977].

Es bestehen viele Übereinstimmungen der heute bekannten Nahtod-Erfahrungen mit dem Bardo-thödol. Hierzu gehören: Die außerkörperliche Erfahrung während des Sterbens; Sehen des eigenen sterbenden Körpers von oben; Wahrnehmung der Personen und Geschehnisse um den sterbenden Körper herum, ohne sich den Anwesenden mitteilen zu können; Nicht-Wissen, dass man gestorben ist; das Sehen eindrucksvoller Lichter (die im Bardo-thödol mehrfach und in verschiedenen Farben auftreten); Eintreten in schöne Landschaften, die unserer Welt durchaus ähnlich sein können. Weiterhin hat man in der anderen Welt einen eigenen (Geist-)Körper, der dem physischen Körper, den man zu Lebzeiten hatte, ähnlich ist, und mit dem man durch alle Hindernisse wie Wände, Häuser, Berge hindurchgehen kann. Dieser Geist-Körper wirft keine Schatten und hat im Spiegel auch kein Spiegelbild. Er hat die Gebrechen nicht, die man im vergangenen Leben hatte, wie z.B. Blindheit, Taubheit oder Fehlen von Gliedmaßen. Weitere Übereinstimmungen betreffen die Begegnung mit Verstorbenen und die Lebensrückschau, mit der wir im Bardo-thödol mehrfach konfrontiert werden. Eine auffällige Nicht-Übereinstimmung betrifft das im Westen obligate Tunnelerlebnis, welches im Bardo-thödol, (und, wie erwähnt, bei Nahtod-Erfahrungen in Indien allgemein) nicht vorkommt.

Wir erleben im Zwischenreich nicht nur schöne Dinge, sondern auch schreckliche, womit der Bardo-thödol nicht gerade geizt. Diese sind uns in seltenen Fällen auch von heutigen Nahtod-Erfahrungen her bekannt, obwohl sie zu Anfang der von Moody ausgelösten Forschungs- und Publikations-Welle gerne verschwiegen wurden.

Der Bardo-thödol geht dann weiter durch viele Stationen mit Visionen von friedvollen und furchterregenden Gottheiten bis hin zu einem Gericht, wo unsere guten Taten gegen die schlechten aufgewogen werden. Für die schlechten Taten werden wir vom Totengott zerstückelt und aufgefressen, doch wir werden durch den Text durch diese schrecklichen Ereignisse hindurchgeführt, indem uns versichert wird, dass diese Erlebnisse, wie übrigens alle anderen auch, Illusionen unseres verblendeten Geistes sind. Die Gerichtsszene hat keine zentrale Stellung im Bardo-thödol. Schließlich geleitet uns der Text hin zur Vorbereitung einer neuen Geburt, Auswahl des Geburtsortes, der Eltern usw., falls die Wiedergeburt nicht durch die große Befreiung vermieden werden konnte.

Um nun die Inhalte des Bardo-thödol mit neueren Forschungen zu vergleichen, bleibt festzustellen: Es besteht eine wirklich erstaunliche Übereinstimmung in vielen Punkten mit den heutigen Nahtod-Erfahrungen. Da aber unsere Nahtod-Erfahrenen nicht wirklich gestorben sind, können sie uns nur über den Anfang des Weges durch das Zwischenreich berichten. Über die weiteren Stationen wissen sie naturgemäß nichts. Die Quelle für die Kenntnis der ersten Schritte durch den Bardo im Bardo-thödol mögen also durchaus Nahtod-Erfahrungen sein. Die weiteren Beschreibungen des Weges durch den Bardo stammen womöglich aus meditativer Schau und können zunächst nicht überprüft werden. Starke Einflüsse der damaligen Vorstellungen über die Götterwelt sind offensichtlich. Zum Schluss des Buches finden wir hinsichtlich der Planung eines neuen irdischen Lebens wieder eine ins Detail gehende Übereinstimmung mit den Protokollen bei Newton und bei Whitton & Fisher.

Der Bardo-thödol kennt nicht die Aufarbeitung des vergangenen Lebens im Zwischenreich, um im nächsten Leben einen Schritt voranzugehen in unserer Entwicklung über die vielen Leben hinweg, wie wir das bei Myers, bei Newton und bei Whitton & Fisher gesehen haben. Vielmehr wird mit aller Kraft und immer wieder versucht, den Absprung vom Rad der Wiedergeburt zu erreichen. Die persönliche Weiterentwicklung wird im Buddhismus durch die meditativen Praktiken und die Schulung durch die Lamas im hiesigen Leben angestrebt. – 

Glaubwürdigkeit.      Die große Übereinstimmung mit den bekannten Nahtod-Erfahrungen heutiger Zeit spricht aus wissenschaftlicher Sicht für den Bardo-thödol; die Befreiung vom Rad der Wiedergeburt (Samsara) findet in den neueren Forschungen keine Parallele. Abgesehen von den zahlreichen Nahtod-Erfahrungen und der Planung des nächsten Lebens sind die jenseitigen Welten des Bardo-thödol einerseits und die von Myers, von Newton und von Whitton & Fisher geschilderten andererseits recht verschieden. Vor allem die Aufarbeitung des vergangenen Lebens mit Hilfe der Ratgeber im Jenseits findet sich im Bardo-thödol nicht. Die Quellen der Erkenntnis werden uns im Bardo-thödol nicht mitgeteilt. Für manche spricht  für den Bardo-thödol sein hohes Alter und das grosse Ansehen, welches der tibetische Buddhismus in der Welt geniesst, und die enorme Meditationserfahrung, welche die tibetischen Mönche besitzen.  Erkenntnisse in der Meditation mögen ja ebenfalls eine Quelle unseres Wissens über die jenseitigen Welten sein. –

www.mutual-mente.com                      joachimhornung@gmx.de                         27.03.2005

Literatur  über das  Zwischenreich

•    Vier zum ersten Einstieg besonders geeignete Bücher sind fett markiert.

ARD: „Multiple Persönlichkeiten – Wahn der Therapeuten?“  27. Aug. 2003, 23.30 Uhr

Bodine, Echo L.: Echoes of the Soul – The Soul's Journey beyond the Light through Life, Death, and Life after Death. New World Library, California 1999

Dargyay, Eva und Dargyay, Geshe Lobsang:  Das Tibetische Buch der Toten – Die erste Originalübertragung aus dem Tibetischen. O.W.Barth [1977] 1999

False Memory Syndrome Foundation:  http://www.fmsfonline.org,   „Recovered Memories: Are They Reliable?“  unter  http://www.fmsfonline.org/reliable.html  und „Key Concepts in Hypnosis” unter http://www.fmsfonline.org/hypnosis.html, mit vielen Unterseiten.

Fiore, Edith: You Have Been Here Before. Ballantine, NewYork 1978

Guggenheim, Bill and Guggenheim, Judy: Trost aus dem Jenseits – Unerwartete Begegnungen mit Verstorbenen. Scherz 1999.   „Hello from Heaven“.  ADC Project, Longwood, Florida 1995

Guggenheim, Bill and Guggenheim, Judy:  www.after-death.com

Moody, Raymond and Perry, Paul: Reunions – Visionary Encounters with Departed Loved Ones. Ballantine 1994.  Blick hinter den Spiegel, München 1997

Myers, Frederic:  www.trans4mind.com/spiritual/myers1.html

Myers, Frederic: Human Personality and its Survival of Bodily Death. 2 Volumes: Longmans, Green & Co., New York, London and Bombay 1903(!)

Newton, Michael: Die Reisen der Seele – Karmische Fallstudien. Astroterra 2002.  Journey of Souls – Case Studies of Life between Lives. Llewellyn 1994

Newton, Michael: Destiny of Souls – New Case Studies of Life between Lives. Llewellyn 2000.  Die Abenteuer der Seelen – Neue Fallstudien zum Leben zwischen den Leben. Astrodata/Astroterra 2001 

Schetsche, Michael: Trauma im gesellschaftlichen Diskurs. http://www.igpp.de/german/eks/trauma.htm

(British) Society for Psychical Research, gegründet 1882, www.spr.ac.uk

Sogyal Rinpoche: Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben. O.W. Barth  1994.  „The Tibetan Book of Living and Dying“, HarperCollins 

Sommer, Andreas:  Leben nach dem Tod? – Die wissenschaftliche Erforschung der Frage nach dem Fortleben – Geschichte, Fragestellungen, Status und Implikationen der "Survival Research".  www.forumkontrovers.de/index/historie-Dateien/Survival.htm.

Sutherland, Cherie: Tröstliche Begegnungen mit verstorbenen Kindern. Scherz 1998.  Beloved Visitors, Bantam Books, Sidney 1997

Wambach, Helen: Reliving Past Lives. Bantam, N.Y. 1979

Weiss, Brian L.: Many Lives – Many Masters. Simon & Schuster, New York 1988;  Die zahlreichen Leben der Seele. München 1994

Whitton, Joel L. and Fisher Joe: Das Leben zwischen den Leben. Goldmann 1989. „Life between Life“. Warner Books [1986] 1995

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